Kaiser Chiefs: ‚The Future is Medieval‘ Review

Im Vorfeld bot die Band den Fans 20 Songs zum reinhören und arrangieren an, jeder durfte eine perfekte Playlist aus 10 Songs wählen, die populärsten 13 Songs schafften es letzten Endes auf The Future is Medieval. Ein Wunder, dass das Endergebnis an sich so stimmig geworden ist. Das kann man wohl auch Produzent Ethan Johns (u.A. Kings of Leon, Ryan Adams und Rufus Wainwright) verdanken, der anfangs nichts von der Idee hielt, letzten Endes jedoch überzeugt wurde und das Resultat in ein schmeichelndes Paket verwandelte.

The Future is Medieval – Marketing für Fans

Bonus obendrauf: die individuellen Playlists werden ebenso angeboten und für jeden Download erhält der „DJ“ 1 britisches Pfund. Auch britische Musikgrößen haben sich daran beteiligt und ihre Einnahmen an soziale Einrichtungen zur Hilfe von Alzheimer Patienten gespendet. Nick Hodgons Vater selbst leidet an der Krankheit, der letzte Song „If you will have me“ ist nur für ihn,

„it's the longest of goodbyes…and if you will have me, I want to be the boy from the photograph“

singt Hodgons in dem Song, der mit dem Rest des Albums fremdelt, gleichwohl rührend ist und mit seinem Beatles-Touch einen würdigen Abschluss bietet. Mit diesem Thema erhält auch der Titel des Albums eine völlig neue Bedeutung, denn sicher muss die Zukunft für jemanden, der nichts mehr wahr nimmt, als seine Erinnerungen, die Vergangenheit in sich tragen.
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Wahrscheinlich hat auch diese Erfahrung Einfluss darauf gehabt, dass die Kaiser Chiefs ernster geworden sind, keine Hitsingleparade für die Tanzfläche findet sich auf dem Album.

Dunkle Seiten

Bereits der Opener „Little Shocks“ überrascht mit zackigem Piano und Ricky Wilsons unruhigen Vocals, schnell wird klar, dass The Future is Medieval etwas düsterer, unbequemer geworden ist, sich an 80er Sounds a la Cars (etwa in „Things Change“) heran tastet und damit zwar nicht völlig vom eingängigen Pop ihrer Voralben ablässt, aber die abgekehrten Indieköpfe wieder zum Nicken bringen kann.
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Mittelalterlich ist hier nichts, eher muss man an hedonistische Wochenenderlebnisse zwischen Rausch und kopfschmerzender Nüchternheit denken, an Danny Boyle Filme und die leichteren Klänge des Postpunk, die kühl und hektisch zugleich durch Songs wie „Starts with Nothing“ und „Heard it break“ streifen.
The Future… scheint ein Bild der Großstadt zu zeichnen, das zeitlos und ständig zukunftsträchtig zugleich ist, „Child of the Jago“ etwa verwendet den Titel eines Romans aus dem 19.Jahrhundert, der die Jago als die dunkle Seite einer Stadt beschrieb, die Gauner und Mörder, die sich in den dunklen Gassen herum trieben.
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Selbst die heiteren Songs, etwa „When all is quiet“und „Kinda girl you are“, lehnen sich nicht mehr an den alten Zeiten von „Ruby“ an, sondern erinnern an Glam und New Wave Pop – nun ja, zumindest, bis das erste „oh oh oh“ ertönt.

Die Zukunft der Kaiser Chiefs?

Nicht alle der finalen 13 Songs sind wirklich umwerfend, „Coming up for Air“ und „Man on Mars“ scheinen ein wenig inspirationslos, was die Instrumentalisierung angeht, wobei der Text – wie auch bei den anderen 12 Songs – von Nick Hodgons Talent zeugt, mit wenigen, scheinbar simplen Zeilen eindrucksvolle Bilder zu erzeugen, die lyrische Desaster a la „Ruby“ und „I predict a riot“ vergessen lassen.

„And the picture of the factory floor, like rats in a suitcase“

Apropos „picture“: Das Cover des Albums setzt sich aus dem Inhalt zusammen. Zu kryptisch? Nun, für die do it yourself Version konnten sich die Fans auch die Cover selbst gestalten. Dazu gab es zu jedem Song eine Illustration, die zusammengenommen im Pulk das Album zierten.

Alles in allem ist es erstaunlich, dass die Band nach drei Popalben, die wenig Entwicklung beschrieben (was die Band selbst zugegeben hat), zu einem – wage ich es zu sagen? – „erwachsenen Sound“ gelangt ist, dessen ungewöhnliche Marketingstrategie für Presse gesorgt und dem musikalischen Output dennoch nicht geschadet hat. Ist es eines der besten Alben dieses Jahres? Nun, vielleicht nicht, aber geht man davon aus, wo sie die letzten Alben über waren, ist The Future is Medieval ein großer Schritt in die richtige Richtung und auch wenn es dem Musiknazi schwer fällt – so schlimm sind die Kaiser Chiefs dann wohl doch nicht mehr…

„You're on your own on the last train home. Open your eyes you have arrived.“

                                                                                                        („Starts with Nothing“)

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