Janoschs Albtraumstunde: Ach, die Tigerente ist doch Mist! Komm wir finden einen Schatz, der toller ist.

Neulich war ich mit meiner Tochter (5) im Kino. Das machen wir gar nicht so oft, erst recht nicht im Sommer. Diesmal aber stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan: Janoschs „Komm wir finden einen Schatz“ (2012). Und weil mein Kind die herrlichen Geschichten von Tiger und Bär, vom Wolkenzimmerhaus und der (oh, so schönen!) Reise nach Panama unheimlich liebt, durften wir diesen Kinofilm natürlich nicht verpassen.
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Komm wir finden einen Schatz: Das Kind fand den Film öde

Wäre der berühmte Kinderbuchautor höchstpersönlich vor Ort gewesen, er hätte den Kinonachmittag vielleicht so beschrieben: Mächtig müde Mutter und das hüpfende Kind, beide also schnurstracks rein in den Vorführsaal. Sind spät dran gewesen. Macht nix: Der Filmvorführer hat sie durchgewinkt. Haben sich leise reingeschlichen, vorbei an den Sonntagspapas, Rotznasen und Filzhutträgern, und hoppla, schon ging's los. Aber was war das? Eine richtige Gähngeschichte war das, mindestens zum Einschlafen. Fand zumindest das Mädchen. Wollte fast den Oberchef rufen: He, Sie! Halten Sie mal den Film an, meine Mutter muss kotzen. Logisch: Ist nämlich Mist gewesen. Aber Schwamm drüber. Immerhin war das Popcorn lecker.

Die Marke Janosch hat mit ihrem Erfinder nichts mehr zu tun

Bis heute gilt er als einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschlands. Über 100 phantastische, mutige und einfühlsame Kinderbücher hat er geschrieben. Außerdem ist er Maler, Illustrator und Verfasser von Erwachsenenprosa – Horst Eckert alias Janosch. Anarchisch, unbefangen und kindlich: Er hat seine ganz eigene Art sich auszudrücken. Genau diese unverwechselbare Janoschsprache (die nicht vergessen hat, wie es sich wirklich anfühlt, Kind zu sein!) traf Generationen von Kindern mitten ins Herz. Ebenso wie der eigenartige und zittrige Pinselstrich, mit dem Janosch fast beiläufig Tiger, Bär & Co. aufs Papier kritzelte. Was viele nicht wissen: Mit der Marke, die seinen Namen trägt, hat er heute absolut nichts mehr zu tun. Der Schriftsteller und Erfinder der Tigerente hat sich zurückgezogen. Vom Trubel um seine Person, vom großen Geschäft, das inzwischen mit seinem Namen gemacht wird und von den stumpfsinnigen Platitüden, die heute aus seinen einst so originellen und vielschichtigen Figuren gemacht werden.

Glattgebügelter Janoschfilm ohne jeden Janoschcharme

Mit „Komm wir finden einen Schatz“ (2012) hat die janosch film & medien AG bereits den dritten Film um das berühmte Tiger-und-Bären-Duo auf die Leinwand gebracht. Begeistern dürfte der neue Janoschfilm allerdings nur noch die Allerkleinsten.

Worum gehts? Die reichlich lieblos erzählte Handlung geht so: Tiger und Bär finden in einer alten Schatztruhe eine verwitterte Schatzkarte und machen sich auf, den verborgenen Schatz zu suchen. Dabei hilft ihnen Jochen Gummibär, der eigentlich auf der Suche nach neuen Freunden ist. Die abenteuerliche Suche führt durch pupsende Krokodilssümpfe und wird gefährdet vom gemeinen Meisterdetektiv Gokatz. Statt fetter Beute aber gibts am Ende für niemanden einen Schatz – und dafür das Geschenk der Harmonie und Freundschaft.

Worum geht's wirklich? Die Botschaft „Freundschaft ist wichtiger als Geld“ mag ganz sicher lobenswert und „pädagogisch wertvoll“ sein. Damit erfüllt die Kernaussage des Films jedoch gerade mal eine selbstgestellte Mindestanforderung, immerhin schreibt sich die janosch AG voriges Prädikat höchstselbst auf die Fahnen. Tatsächlich lobenswert sind das langsame Erzähltempo und die entspannte Schnitttechnik mit schwarzen Blenden zwischen den Szenen. So werden gerade Kleinkinder im Kino nicht mit hektischen Schnittwechseln beballert. Ruhe und Langsamkeit sind denn auch die größte Stärke des Films: ein erfreulicher Kontrast zur allgegenwärtigen Übertreibung von Emotionen und Action in Kinderfilmen, die uns besonders in Disneyfilmen & Co. pausenlos überrennt. Hier werden die jüngsten Zuschauer ausnahmsweise einmal nicht hoffnungslos überfordert.

Enttäuschend: Janoschtypischer Eigensinn fehlt!

Genau an diesem Punkt setzt jedoch die Kritik an: Der Film „Komm wir finden einen Schatz“ fordert die kleinen Zuschauer geistig nämlich gar nicht. Die in der Kinoadaption oberflächlich und phantasiearm angelegten Figuren, bestenfalls bedienen sie das Plüschklischee, haben sämtliche Ecken und Kanten verloren. Und das ist tragisch: Denn alles, was die Janoschfiguren ursprünglich einmal ausmachte, ist hier kompromisslos ausradiert worden. Das janoschtypische Ungestüm, die Wildheit und Widerspenstigkeit wurden ebenso amputiert wie die Doppelbödigkeit, der Schalk und die zärtlich gezeigte Ambivalenz und Lebendigkeit der Charaktere. Übrig bleibt am Ende genau das, was der Kinderbuchautor zeitlebens mit seinen anarchischen Fabeln bekämpfte: Eine konfliktscheu zurechtgestutzte, lebensängstliche Geschichte, die ihren kleinen Zuschauern wenig zutraut und stattdessen Kinderhorizonte einengt.

Kinder brauchen Ehrlichkeit und Mut

Die (verkaufsfördernde) Verbannung von Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen aus der (medialen) Erziehung ist symptomatisch für die Gesellschaft, in der Kinder heute aufwachsen. Dass diese Art der „Kinderförderung“ nicht nur unnötig, sondern aus pädagogischer Sicht sogar höchst bedenklich ist, zeigt der dänische Familientherapeut Jesper Juul schon seit Jahren. Die Tendenz, dass viele Eltern ihre eigenen diffusen Überforderungsmomente und Lebensängste auf die eigenen Kinder übertragen, bezeichnet der Schweizer Kinderpsychologe Remo Largo gar als „kollektive Hysterie“, die unter dem Deckmantel so genannter „Pädagogik“ kaschiert werde. Mit welcher Berechtigung aber darf eine Mediengesellschaft wie die janosch medien AG mit dem Alleinstellungsmerkmal hochqualitativer, werteorientierter und pädagogisch wertvoller Kinder- und Familienunterhaltung werben, wenn sie im selben Atemzug ein so stümperhaftes und heuchlerisches Produkt wie diesen Film auf den Markt wirft?

Lesetipp: Das geht viel besser! Hier finden Sie alle Kinderbücher von Horst Eckert.

„Da wo ich bin, ist Panama“: Berührende TV-Dokumentation würdigt das Lebenswerk des Schriftstellers

Während die Kinderkinos in diesen Wochen gut besucht sind, liegt der Schriftsteller Janosch in seiner Hängematte auf Teneriffa. Dorthin hat er sich zurückgezogen. Sein künstlerisches Lebenswerk indes mag ihn mit einer seltsamen Mischung aus Wehmut, Wut und Resignation erfüllen. „Das tötet mich“, sagte er 2011 in einem Interview mit Joachim Lang, befragt auf die jüngsten cineastischen Schachzüge der janosch AG. „Das sind Schrottfilme. Und dann werden die mir in die Schuhe geschoben!“

Filmtipp: Die einfühlsame Reportage „Da wo ich bin, ist Panama – Die Lebensreise des Herrn J.“ (2011) zeichnet mit respektvoller (sic!) Neugier den Lebensweg des Autors nach, und lässt ihn für sich selbst sprechen: „Ach, die Tigerente ist doch Mist!“, sagt da der unfreiwillige Erfinder der schwarzgelb gestreiften Merchandising-Ente und grinst verschlagen in die Kamera: „Ich halte die für Kitsch. Ich hab die eigentlich nur aus Hohn da reingemalt. Weil auf dem Bild noch Platz war.“

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2 Meinungen

  1. Es ist wirklich schade, dass solch tolle Geschichten immer mehr ausgeschlachtet werden müssen. Ganz ehrlich eine 3D Verfilmung von einem Kinderbuch, irgendwann hört der Spaß aber auf. Trotzdem ein toller und ausführlicher Bericht der gerade das bestätigt was ich mir über den Film eh schon gedacht hab.

  2. Es ist wirklich schade, dass solch tolle Geschichten immer mehr ausgeschlachtet werden müssen. Ganz ehrlich eine 3D Verfilmung von einem Kinderbuch, irgendwann hört der Spaß aber auf. Trotzdem ein toller und ausführlicher Bericht der gerade das bestätigt was ich mir über den Film eh schon gedacht hab.

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