Individualmedizin und Anti Aging auf dem Vormarsch

Als ich neulich meine liebe Frau Mama besuchte, zeigte die mir ganz stolz einen Flyer ihrer neuen Hausärztin. "Schau mal, was Frau Doktor alles anbietet", meinte sie sichtlich beeindruckt. Als gut erzogene, höfliche Tochter warf ich einen Blick auf das eher spartanisch gestaltete Blatt und staunte nicht schlecht. Das Angebot umfasste praktisch alles, was der iGeL-Katalog hergibt und natürlich dürfen auch Anti Aging-Kuren nicht fehlen. Ach, wie schön, dass jetzt jeder Bürger Gesundheit und Schönheit kaufen kann. So er das denn alles bezahlen kann. Schließlich wissen wir Patienten, dass die gute alte Krankenkasse nur noch das Nötigste bezahlt. Wer aber mehr will, der muss seinen Geldbeutel weit öffnen. Es scheint, als haben die Lobbygruppen ganze Arbeit geleistet, denn immer mehr Menschen glauben die These: Je mehr Du bezahlst, desto gesünder kannst Du sein – und natürlich auch jugendlicher. Die Zauberworte heißen Individualmedizin und Anti Aging. Wenn eine Person im weißen Kittel etwas empfiehlt, was zwar nicht medizinisch notwendig, wohl aber "sozialpolitisch angesagt" ist, dann wird wohl kaum jemand lange Widerstand leisten. Ob nun Hormontherapie oder thermografische Gesundheitsmessung, die Selbstzahler-Medizin scheint immer mehr Anhänger zu finden. Die 3sat-Sendung "Jugend auf Rezept" vom 16.07.2007 hat sich kritisch mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und sowohl Befürworter wie auch Kritiker zu Wort kommen lassen. Doch was nützen alle Sachargumente oder wissenschaftliche Studien, wenn Ängste – etwa vor dem Älterwerden oder vor Erkrankungen – als Steuerungsinstrumente zum Einsatz kommen?

Natürlich ist es völlig OK, wenn der Einzelne alles tut, um länger fit und gesund zu bleiben. Auch ich versuche, ein gesundes und aktives Leben zu führen. Warum? Ganz einfach: Um mich gut zu fühlen! Ich will damit auch Zipperlein und Altersbeschwerden so weit wie möglich nach hinten schieben. Doch es ist nicht OK, wenn selbst ernannte Anti Aging Experten den Menschen mit Hilfe einer "kreativen" Diagnostik fragwürdige und wissenschaftlich nicht gesicherte "Therapien" verkaufen. So mancher Endokrinologe (allerdings ohne Anti Aging-Background) staunt, welche Weisheiten diese Herrschaften so alles aus einer Hormonspiegelmessung ziehen können. Und wer suchet, der findet auch! Wenn ein Patient schlappe 800,- Euro auf den Tisch des Hauses legt, dann hat er auch verdammt noch mal Anspruch auf die Feststellung eines Mangels oder Defizits. Motto: Es gibt keine gesunden Menschen – nur Menschen, die einfach noch nicht gründlich genug untersucht worden sind.

Ganz traurig finde ich es, wenn sich Ärzte auf dieser Schiene bewegen, denn so verspielen sie unter Umständen ihren nach wie vor guten Ruf in unserer Gesellschaft und sie setzen das Arzt-Patienten-Verhältnis aufs Spiel. In den letzten Jahren bin ich bei praktisch jedem Arztbesuch auf eine Leistung aufmerksam gemacht worden, die natürlich privat bezahlt werden muss. Den Sinn und die Relevanz für meine Person hat man mir nie erklärt. Was bleibt mir übrig? Ich suche mir Hilfe in Zeitschriften und recherchiere im Internet, denn es macht keinen Sinn, die Krankenkasse zu befragen. Die versteckt sich nur hinter ihrer Verwaltung. Wenn schon die Arztpraxen zu Profit Centern umgebaut werden sollen, dann sollte auch Zeit für ein ausführliches Patientengespräch sein. Ich möchte nicht irgendeine schlechte Kopie vor die Nase gehalten bekommen, die ich dann zwecks Rechnungsstellung unterschreiben soll. Der Patient wird mehr und mehr zum Konsumenten. Dieser Trend ist kaum mehr aufzuhalten. Doch dann muss auch etwas mehr Service her.

Ich prognostiziere herrliche Zeiten für Selbstzahler-Patienten: Latte Macchiato und Musikberieselung im Wartezimmer –  Großbildfernseher und Nüsschen – Arzthelferinnen, die wie Claudia Schiffer und nicht wie Erna von der Specktheke aussehen – Payback-Punkte für jede nicht über die Versicherungskarte laufende Behandlung – schicke kleine Einkaufstütchen für Anti Aging-Produkte, die selbstverständlich vor Ort gekauft werden können – und nach dem Shopping – pardon, nach dem Arztbesuch bringt mich der Arzt/die Ärztin meines Vertrauens persönlich zur Tür. Da ist man doch gerne krank oder lässt sich mit eloquenten Worten krank reden. Und älter werden wir ja alle auch. Wie schön, dass man sogar Jugend auf Privatrezept bekommen kann. Sie fragen nach Risiken und Nebenwirkungen? Spielverderber! 

8 Meinungen

  1. Nüsschen! Feine Idee. Ich würde auch gerne einen Internet-Anschluss im Wartezimmer haben, damit ich mir nicht immer diese schnöden Tantenheftchen antun muss. Kriege ich vielleicht auch ein neues Fahrrad? Ich hoffe sehr, Sie finden es raus. Danke für den Extra-Grinser!

  2. Wartezimmer mit Internet-Anschluss? Schon notiert, eine prima Idee!

  3. Auf dem Flughafen in Hannover gibt es einen Massage-Sessel – dicke Wülste drücken und kneten im Kreuz herum, man muss Geld einwerfen, damit es funktioniert. Das könnte man elegant von der Patienten-Card herunterladen. Es ist natürlich peinlichst genau darauf zu achten, daß die „igel“-Angebote gerade in der Wartezone nicht in anrüchige Gebiete umgewandelt werden. Bei „Massage“ klingelt es schnell im Rotlichtbezirk des moralistischen Hirns (das sind dann aber die Kunden, die gerne wieder kommen, wie auch immer das zu verstehen ist).

  4. EUSANA beweist, dass es seriöse Individualmedizin gibt:Schon Anfang der 1990er Jahre hat EUSANA erkannt, dass immer mehr Menschen sich der Bedeutung ihrer Gesundheit als das wertvollste Gut bewusst sind und hat mit der Entwicklung medizinischer Expertensysteme begonnen. Evidenzbasiertes Handeln ist nur auf Grundlage valider Informationen möglich. Individualmedizin setzt Evidenzbasierung voraus und macht die Entwicklung medizinischer Expertensysteme notwendig. Inzwischen sind mehr als 1.000 Ärzte in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem EUSANA Konzept für Gesundheit und Präventionsmedizin wirtschaftlich erfolgreich. Das EUSANA Konzept besteht aus einem Evidenzbasierten medizinischen Expertensystem für Gesundheit und Präventionsmedizin Individuellen Patientenmarketing-Konzept Das medizinische Expertensystem basiert auf einem Arztinformationssystem und Patienteninformationssystem sowie individuellen medizinischen Checks. Es bietet Ihren Patienten in allen Lebenssituationen eine individuelle sowie ganzheitliche Gesundheitsvorsorge und Gesundheitspflege (Individualmedizin). Das facharztbezogene Expertensystem ist wissenschaftlich fundiert, qualitätsgesichert und praxiserprobt. Es bietet Ihnen aktuelle medizinische Kompetenz und den Patienten zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten (Gesundheitsleistungen). Weitere Informationen finden Sie unter http://www.eusana.de

  5. Es gibt einen neuen Anti Aging Blog speziell für Männer.Schaut mal unter http://www.mensvita.de

  6. Ich finde der BMI wird überbewertet, es ist nicht immer wichtig was der BMI aussagt, danke für diesen tollen Beitrag. Ich habe ihn schon lang ein den Favoriten gespeichert, und immer wenn ich mal schlechte laune wegen meiner Figur habe, lese ich ihn.

    Ich betreibe ebefnalls viel Sport und habe sogar mal bisschen Muskeltraining (ja, als Frau!) gemacht, beim BMI stieg direkt an und ich hatte angst das es nicht klappte, aber von wegen!! Muskeln sind nunmal schwerer als Fett! Leute, lasst euch nicht vom BMI fertig machen.

  7. Herzlichen Dank für diese Kritik am BMI!

    Solche „Vergleichsmöglichkeiten“ sind generell kontraproduktiv für Frauen mit einer Essstörung. Denn diese müssen – um gesund zu werden – begreifen, dass weder ihr Gewicht noch das Essen ihr tatsächliches Problem sind.

    Simone Happel

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