Geschichten, die das Firmen-Leben schrieb

Schreuble überlegt schon länger, wie er einem Kollegen, der sich in immer mehr Streitereien mit Mitarbeitern und Vorgesetzten verstrickt, helfen kann. Der Kollege tut ihm leid, denn er kann ihn persönlich sehr gut leiden. Die beiden kennen sich seit fast 22 Jahren – seit dem Studium in Aachen – und haben sich hier bei Rösle in Tübingen rein zufällig wieder getroffen. Beide sind jetzt Abteilungsleiter. Sein Kollege Reiner leitet allerdings schon seit 14 Jahren keine technische Abteilung, sondern den Einkauf. Es ist ganz deutlich zu erkennen, dass Reiner in den letzten Monaten, vielleicht schon Jahren, immer  mehr in Schwierigkeiten geraten ist. „Es knirscht an allen Fronten!", sagte er neulich und deutete an, dass der ganze Ärger im Betrieb natürlich inzwischen auch auf zu Hause ausstrahlt. Seine Frau hat wohl inzwischen schon mehrfach laut über Trennung nachgedacht. Reiner ist gereizt bis aggressiv, hört kaum noch zu, wenn man überhaupt noch ein Gespräch mit ihm hat. Die regelmäßigen Treffen zum Squash sind  seit Monaten eingeschlafen, so dass er Reiner kaum noch sieht.

Manfred Schreuble sitzt also in seinem Büro und grübelt darüber nach, wie er Reiner helfen kann, ohne ihn allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Er  kann  ja schließlich  nicht sagen: „Hey, Reiner, ich glaube Du brauchst dringend einen Psychologen!"

Da würde Reiner wohl kaum begeistert zum Psychologen rennen. Der reagierte ja gewöhnlich schon mit Aggressionen, wenn man ihm vorschlug, sich Winterreifen zu kaufen, wenn er keinerlei Profil mehr an seinem uralten Wagen hatte und deswegen in hanebüchener Weise über den Firmenparkplatz schlidderte im Winter! Und das als Leiter für den technischen Einkauf!  Zwei seiner Mitarbeiter waren trotz kriselndem Arbeitsmarkt vor Wochen bereits gegangen.

Weil Manfred aber nun einmal helfen wollte, ja, er fühlte sich geradezu dazu verpflichtet, griff er zum Telefon.

„Reiner?, ich bin´s, Manfred!"

„Mach´s kurz, Manfred, hier herrscht das reinste Chaos!"

„Eben deswegen wollte ich Dich sprechen, Reiner!"

„Wieso, wollt ihr die Elektromotoren jetzt doch noch wieder mit einer anderen Leistung oder wie oder was? Was glaubst Du, was hier los ist! Wir sind bereits mit dem Dubai-Projekt vierzehn Tage hinterher!"

„Nein, deswegen rufe ich nicht an!"

„Ja, was denn jetzt?!"

„Hast Du heute Abend Zeit auf ein Bier?"

„Auf keinen Fall! Es sei denn, Du hast nach 24.00 Uhr noch Lust auf einen Drink!"

„Hey, Reiner, nichts für ungut…!" aber Reiner hatte bereits aufgelegt.

Manfred war froh, dass das Telefonat zu Ende war. So ging es aber auf keinen Fall weiter! Der machte langsam den ganzen Laden verrückt mit seiner aggressiven Art.

Aber wie mit ihm drüber reden?!

„Seitdem ich meinen Coach alle paar Monate bemühe, geht´s mir besser, und ich bin sicher, dass ihm das auch helfen würde. Was habe ich früher einen Hals gehabt und jeden Tag bis 21.00 oder 22.00 Uhr! Außerdem muss Reiner etwas tun, sonst sind seine Tage hier als Abteilungsleiter bald gezählt!", denkt er bei sich, als seine Sekretärin mit der Unterschriftenmappe zu ihm kommt.

Am Nachmittag wird es auch bei Manfred etwas hektischer, deswegen kann er nicht mehr so intensiv an Reiner denken. Um 17.00 Uhr ruft seine Frau an um ihn an den Elternsprechtag zu erinnern. Sie weiß auch keinen Rat wegen Reiner, als er sie darauf ansprach in der Hoffnung, sie hätte eine Lösung parat. „Ich würde ihn voll mit meinen Gedanken konfrontieren!", sagte seine Frau. Na, die hatte gut reden, die musste dann ja auch nicht mit den „Folgen" leben!

Das kurze Gespräch mit seiner Sekretärin brachte auch keine brauchbaren Tipps: „Wie würden Sie ihrer besten Freundin am ehesten beibringen, dass sie unmöglich gekleidet ist?" – „Ich würde sie nie im Leben darauf ansprechen. Den Streit würde ich mir auf alle Fälle ersparen, außerdem bringt das nichts. Ich habe es bereits versucht…!" Und damit war sie auch schon wieder unterwegs.

Ihn ließ das Thema trotz der Schwierigkeiten in Halle drei und des hektischen Meetings deswegen um 17.45 Uhr mit den Konstrukteuren nicht los. Gegen 19.00 Uhr machte er einen letzten Versuch, sich einen Tipp bei seinem eigenen Coach zu holen. Der reagierte das erste Mal, seitdem er ihn kannte mit den Worten, die er bei jedem Psychologen zu jeder Zeit befürchtet hatte, bevor er ihn kennen gelernt hatte: „Das kommt darauf an, die Frage ist gar nicht leicht zu beantworten, lassen Sie uns das beim nächsten Treffen ausführlich erörtern….!"

Ach Du meine Güte!

Außerdem musste er doch zum Elternsprechtag, der um 19.30 Uhr pünktlich begann. Er war mittlerweile total  nervös. Einerseits, weil er sich selten so dämlich anstellte, wenn es darum ging ein unangenehmes Gespräch zu führen. Und, weil er längst hätte zum Sprechtag abfahren müssen, um noch pünktlich zu kommen. Und, weil er eine Menge Dinge heute nicht geschafft hatte, weil er den halben Nachmittag mit dem Gedanken an das Wie sage ich´s Reiner!? verbraucht hatte.

Dann reichte es ihm: Er nahm seinen Mantel aus dem Schrank, ließ seinen Aktenkoffer Aktenkoffer sein und warf den Rest Unterlagen in die Schublade.

Auf dem Weg zu Reiner reif er seine Frau an, die schon vor der Schule vor ihm wartete. Sie sagte, bevor er selbst etwas sagen konnte: „Liebling, es wird später heute Abend…! – Ist es das, was Du sagen wolltest? Ich gehe schon mal zur Lehrerin rein, wir sehen uns nachher zu Hause!" Dafür liebte er seine Frau!

Dann stürmte er das Büro von Reiner, schnappte ihn sich mit freundschaftlichem Nachdruck und sagte: „Reiner, wir gehen jetzt ein Bier trinken!"

Fazit: Manchmal muss man anfangen zu handeln!

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