Für wen man keinen Zahnersatz bezahlen sollte

Sehr schwer ist es andererseits auch nicht, oft zum Arzt zu gehen, denn die Konkurrenz hält sich in statistischen Grenzen: In Afghanistan kämen alle Ärzte zu spät, wie uns die Dokumentarfotos der Bundeswehr-Soldaten zu vermitteln versuchten (welche stattdessen fehlinterpretiert wurden). In den USA sind die Hälfte aller Ärzte damit beschäftigt in Fernsehserien mitzuspielen, in Russland verabreichen sich die Patienten ihre Wodka-Infusionen selber und in der Ukraine fahren sie ähnlich selbstständig zur Freiluft-Strahlentherapie nach Tschernobyl. Nur in Deutschland, wo man sich bei jedem nebensächlichen multiplen Schädelbasisbruch oder unbedeutenden dreimaligen Herzinfarkt gleich einen Termin geben lässt, konnte es zu solchen Ergebnissen kommen.

Grund für die vielen Besuche sei der Studie zu Folge die falsche Struktur bei der Bezahlung der Ärzte. Für Beratungsgespräche bekommen sie schlichtweg weniger bunte Scheine in die weißen Kitteltaschen, nur durch die Rezepteverschreibung, die weitere Arztbesuche verursachen, können sie sich auch längerfristige die Mitgliedschaft im Golf-Club trotz chronischer Unfähigkeit sichern. Aus diesem Grunde werden bei allen Patienten, bevor sie überhaupt den Arzt zu Gesicht bekommen, erst einmal ihre Brieftaschen geröntgt. Ist der Befund positiv, dürfen die Patienten ihre Brieftasche zum vereinbarten Termin begleiten, insofern sich die Diagnose der Brieftasche in den dazwischenliegenden drei bis sechs Monaten nicht verändert hat. In die Unterschicht absteigen solle man schließlich erst nachher durch die Behandlungskosten.

Verhältnismäßig ungleich ist die Verteilung der Arztbesuche zwischen den Geschlechtern in Bezug auf das Alter. Männer bis 40 Jahre tragen 8,5 Mal im Jahr ihre Brieftasche zum Arzt, wobei sich das folgender Maßen zusammensetzt: drei Mal zum Magenauspumpen nach Gammelfleischgenuss, drei Mal zur Wiederbelebung nach versehentlichem Blick auf den Kontostand, zwei Mal zur Entfernen von Porzellansplittern nach Streit mit dem Lebensabschnittspartner und das halbe Mal endet mittelfristig in der nächsten Kneipe. Bei Frauen sind es 15 Mal, wieso weiß niemand so genau (vielleicht wollen sie auch nur überprüfen, ob es wirklicht so ist, wie in den Arzt-Serien vermittelt wird). Menschen über 80 Jahren haben sich in der Zwischenzeit auf 35 Besuche gesteigert. 30 Mal um die öffentlichen Verkehrsmittel am Werktag Vormittag zu füllen, ansonsten würde schließlich niemand damit fahren, und fünf Mal, weil sich die Bus- oder Straßenbahnfahrer dafür bedanken wollten und sie die Rentner bei voller Fahrt direkt von der Straße aufsammelten und gleich ein Stück mitnahmen.

Am häufigsten setzen wir uns zum Schamanen ans Lagerfeuer bei Infektionen der oberen Atemwege mit 26 Prozent, gefolgt von Rückenschmerzen mit rund 24 Prozent und Bluthochdruck mit 21 Prozent, abgesehen von Arbeitsunlust mit 16 Prozent und Suizidberatung mit 13 Prozent (denn ja, man kann sich mit Modern Talking umbringen, aber das ist langsam und grausam). Alarmierend waren auch die 4,9 Millionen Menschen, bei denen unerwünschter Nebenwirkungen von Medikamenten diagnostiziert wurden. Außerdem die Beschwerden von 2,8 Millionen Menschen, bei denen die erwünschten Nebenwirkungen ausblieben. Durch diese schlechten Verkaufsmöglichkeiten resultierte auch der Apothekenstreik. Solange Holzlatten im Baumarkt so billig sind, können sie keine Narkotika verkaufen, solange Stoiber Reden hält keine Einschlafmittel, solange Alkohol so preiswert ist keine Antidepressiva und solange Kerner in Fernsehen auftritt keine Brechmittel.

Alles in allem bringt es also sowieso nichts, seinen Beschwerden auf den sicherlich bereits maroden Zahn fühlen zu lassen, denn am Ende muss man auch noch den Zahnersatz für seine Beschwerden bezahlen, und sobald man anfängt seine Krankheiten zu kurieren, ist man endgültig beim Unterschichtungsmechanismus des Gesundheitssystems angekommen. Also einfach gar nicht zum Arzt gehen, wenn niemand eine Krankheit diagnostiziert, bleibt man eben einfach gesund.

8 Meinungen

  1. Chefarztfrauenfreund

    Mit Speck fängt man Mäuse – das sieht einem Pfaffen von heute ähnlich. Es ist die Haltung, die Leuten, die noch merken, dass die Haltung extrem arrogant ist, eben auf die Nerven geht.Glücklicherweise aber ist die Idee zu Kombination von Kirsche und Fusssball so clever wie erfolgreich. Wen juckts, dass die Ev. Kirsche in geradezu bewunderswürdiger organisatorischer Leistung das auch die Beine gestellt hat? Zum Glück kaum jemand. Daran können sich bloß Leute begeistern, die eh schon so gläubig drauf sind. Dem rest der Welt ist es glücklicherweise so lang wie breit und die geht auch dann nicht in die Kirsche, wenns mal Fussball gibt.Wir sind eben keine Mäuse.Also schön weiterträumen….

  2. Ich weiß ja nicht, ob sie meinen Text richtig gelesen bzw. verstanden haben. Aber mir ging es gerade nicht darum, mit „Speck Mäuse zu fangen“ und ich denke, dass ich mich gerade gegen dieses Missverständnis ausgesprochen habe. Wir sind nicht die, für die Sie uns halten.Schöne WM noch!F.C.

  3. „Im konventionellen Kino ist die sexuell aktive Frau immer eine fragwürdige Frau „Ja so ist es, im stillen Kämmerlein wollen die Herren die verruchte Frau und nebenbei soll sie treu wie eine gläubige Jungfrau zu ihrem Herren sein. Paradox.

  4. Aber so eine doppelmoral ist doch schon allgegenwärtig. Der Mann versucht sex und liebe zu trennen. Im eigenen Wohnzimmer ist es da mehr der Besitz der Frau. Wozu nachtürlich dann auch die absolute treue gehört. Männer sind halt so gestrickt:-)

  5. Die Frage die ich mir in diesem Moment stelle wäre einfach nur ob wir als Männer wirklich nur Frauen auf diese ganz verruchte Art und Weise darstellen möchten oder ob wir diesen Deckmantel der Pornografie einfach nur Nutzen um die Frau als Gespielin hinzustellen, weil wir alle wissen das es in Wirklichkeit ganz anders aussieht und die Frau meist den Ton angibt. Ich finde es aber wunderbar das jemand auf die Bedürfnisse der Frauen, in diesem expliciten Thema Pornografie, eingeht. Denn ich kenne im Bekanntenkreis genug Frauen die mit Sicherheit sich freuen würden mal einen Streifen zu Gesicht zu bekommen in der die Frau nicht immer nur die passive Gespielinnen Rolle übernimmt.

  6. In der Gesellschaft wird eine Frau, die sich für Erotik interessiert, doch gleich abgestempelt. Bei Männern gehört das aber schon zum guten Ton.

  7. Christian Alexander Tietgen

    „Geil sein und dies einfach zeigen, dominieren und unterwerfen, verführen und verführt werden.“ Warum machen sie es denn nicht einfach im realen Leben? Da können sie sich den Typen wenigstens noch aussuchen. Die Pornodarsteller sind ja nicht so nette Zeitgenossen.

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