Father John Misty aka Josh Tillman über ‚Fear Fun‘, Neuerfindung und der echten Stimme

Wir sitzen im Backstage Bereich des Magnet Clubs, ich muss ein wenig warten und schaue mir die kruden Kritzeleien all der Bands an, die mal mehr mal weniger clever ihre Zeichen mit Edding hinterlassen haben.
Direkt nach mir gibt es ein groß angelegtes Interview mit Kamera – und Tättowierer. Eine sehr spontane Entscheidung, wie man mir erzählt, anscheinend dachte sich der Interviewer, dass es doch witzig wäre, wenn sich Tillman während des Interviews tättowieren lassen würde, das könnte man dann ja filmen.
Bei mir gibt es weder Kamera, noch Nadeln, dafür mein formschönes Aufnahmegerät und einen zerknitterten Zettel mit Fragen, den ich allerdings nur für einen bestätigenden Blick auf einen der Songtitel entknitter.
Josh ist entspannt und gesprächig, davor hat man mich gewarnt, da er wohl sehr ausufernd antwortet. Umso besser, wer weiß, was sich in diesen Ausuferungen so finden lässt.

„Fear Fun“ ist ein gewagter Schritt eines Mannes, der vorher als Songwriter den Minimalismus feierte, sich surreal und bedeutungsschwer durch leichte Gitarrenlinien sang und eines Tages aufwachte und merkte, dass er unter seinem eigenen Namen nichts mehr zu sagen hatte.

Father John Misty trifft Josh Tillman

Josh: Ich glaube, ich wusste einfach, dass ich das letzte J Tillman Album so gestaltet habe, dass ich damit alles fertig gebracht hatte, was ich mit dieser Musik machen konnte. Das Ganze war sehr darauf gerichtet, wie viel man eigentlich mit dieser sehr minimalistischen Ästhetik machen kann, die nur unter sehr spezifischen Anforderungen funktioniert. Ich hab versucht, ein Geheimnis um mich herum aufzubauen und hab irgendwo auf dem Weg den Plot verloren.

Nachdem er aus seiner Heimat Seattle zog, nicht bevor er fast seinen ganzen Besitz weg gab, tuckerte er eine zeitlang in einem Van durch die Gegend und ließ sich schlussendlich in einer kleinen obskuren Hütte in LA nieder, wo er – fernab von der Musik – an einem Roman schrieb.

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Josh: Mit dem J Tillman Kram habe ich nicht wirklich über mich selbst geschrieben, sondern auf diese surreale, sehr poetische Art und Weise, auf eine Art auch sehr realitätsfern. Ich hab einfach nicht gedacht, dass es etwas in meinem Leben gäbe, das tatsächlich wert war, beschrieben zu werden. Aber sobald ich realisierte, dass es nicht darum geht, worüber man schreibt, sondern wie man es schreibt, wurde es zu einer Herausforderung.

Der Abschied von J Tillman

Hört man Tillman über seine Songwriter Tage reden, so fällt schnell auf, dass es einen Moment gegeben haben muss, der – damals wohl sicher schmerzlich, mittlerweile aber eher aus guter Distanz beschrieben – ein völliges Umdenken erforderte und – wie er auch im Interview sagte – „es gibt bestimmte Erkenntnisse, die alles beeinflussen„. Für Tillman war es wohl der Moment, als er merkte, dass seine humoristischen Einwürfe zwischen den Songs seiner Shows sehr viel mehr Eindruck machten, als der eigentliche Grund für die Shows: die Songs.

Josh: Ich spiele also diese Songs und alle Leute sind irgendwie abwesend und zwischendurch erzähl ich diese Geschichten und witzel herum und immer dann sehen die Leute auf und lachen und sind plötzlich da und involviert und ich denke 'wow, ich bin sehr viel unterhaltsamer und hab mehr zu erzählen, hab sogar mehr Spaß, wenn ich die Songs überbrücke'. Und das war eine ziemlich deprimierende Erkenntnis. Und ich wusste, dass ich nicht noch 10 Alben in dieser Art machen konnte, also hab ich es so hin gebogen, dass ich es mit dem letzten Album beendet habe.
Sobald das getan war, hab ich mich sehr befreit gefühlt, ich wollte Josh Tillman nicht nur als Songwriter sehen, das war eine sehr beengende Sichtweise.

Während er mit seiner neu gefundenen Stimme Erlebnisse in Form eines Romans niederschrieb, fiel Tillman irgendwann auf, dass der Schritt von Prosa zum Songwriting gar nicht so kompliziert sein musste und so landete er – zum Glück – wieder bei der Musik, die plötzlich wieder zu fließen begann. Und was geschah mit dem Roman?

Father John Misty und 'Fear Fun'

Josh: Der Roman ist im Album und zwar auf zwei Postern, die im Cover stecken. Einer der Songs auf dem Album heißt „I'm writing a novel“ und der hat eine Zeile die sagt „I'm writing a novel“ und da hängt eine Fußnote dran und das ist der Roman, es ist quasi eine gigantische Fußnote und ich dachte, es wäre einfach nur witzig, dieser riesige Gag. Ich hab die Musik wirklich als Verlängerung des Romans gesehen und dachte, es wäre witzig, diese Zeile im Song zu haben a la 'Ach ja und hier ist der Roman' und dann findet man diesen 200 Seiten Roman auf den zwei Postern. Es liest sich sehr anstrengend, aber es bringt mich zum lachen.

Humor, was J Tillman Fans wohl niemals erwartet hätten, kann man bei Father John Misty zu Hauf hören. Überall finden sich surreale, witzige, sarkastische Ideen, selbst im Tracklisting werden bedeutungsvolle Songs von lockeren Countrysongs abgelöst, die den Vorgängern quasi den Mittelfinger zeigen. Genau dieser Humor ist Teil von Tillman, selbst die Tatsache, dass er unter seinem eigenen Namen ein musikalisches Konzept, unter seinem Pseudonym Father John Misty jedoch sich selbst ganz nackig gibt, ist mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Genau diese Stimme sorgt auch für eine inhaltliche, als auch musikalische Vielfalt, die erfrischend ist.

Josh: Ich konnte witzig und tragisch, kritisch und satirisch sein, alles zusammen und es war wirklich meine normale Stimme, die niemals wirklich Teil meiner Musik war, weil das immer dieser sehr konzentrierte Versuch war, etwas zu sein, anstelle einfach zu sein.

Hollywood Forever Cemetery Sings

Einer der Songs, die wirklich Indiz für Tillmans Neuentdeckung seiner selbst sind, ist „Hollywood Forever Cemetery Sings“, ein wahrlich neuer Vorstoß in ironischer Beobachtungsgabe, persönlicher Anekdoten und der neuen Stimme Tillmans.

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Josh: Der Song handelt von diesen zwei Erlebnissen. Eins davon war die Beerdigung meines Großvaters und ich dachte die ganze Zeit 'das ist furchtbar', Beerdigungen sind so kalt und steril, westlich geprägte Beerdigungen sind das Schlimmste in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft und das hat sich einfach in meinem Kopf fest gesetzt.
Und das andere mal war ich auf einem Friedhof im Hollywood Forever Cemetery und ich war da auf einer Party und hab nachher mit diesem Mädel auf dem Friedhof herum gemacht und dachte nur, dass das genau das war, was meinem Großvater irgendwie etwas bedeutet hätte. Liebe mit einer Frau zu machen. Aber darüber redet natürlich niemand zu einer Beerdigung.
Und daran musste ich denken als ich mit diesem Mädel herum machte und ich fand das einfach witzig, was für eine merkwürdige, alberne Beziehung zwischen diesen beiden Dingen.

Auch stimmlich musste der Knoten platzen, bei derartig frechen Songs war das sogar nötig, denn mit so viel Humor und ehrlichem Gefühl hätte man schlecht den deprimiert-bedrückenden Gesang der J Tillman Platten verwenden können. Und auch wenn er früher die Art und Weise von Gospelsängern für unehrlich hielt, realisierte Tillman schnell, dass er eigentlich nur zu sich selbst nicht ganz ehrlich gewesen war und dass emotionale Ausbrüche nur ebenso stimmlich dargeboten werden konnten.
So viel Offenherzigkeit ist natürlich auch unheimlich, erfordert Mut und Kraft.

Ehrliche Musik statt künstliches Konstrukt

Josh: Was wirklich gruselig war, ist die Tatsache, dass du jemand Neues bist, weil du dich plötzlich so zeigst, wie du bist. Früher gab es diese Unterteilung, wenn du meine Musik nicht mochtest, war es halt nur meine Musik, das war ich nicht. Aber wenn du jetzt meine Texte albern findest, dann magst du mich auch nicht wirklich, weil es eigentlich keinen Unterschied zwischen dem gibt, was du in den Songs hörst und wer ich bin.

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Zusammen mit Freund und Mitmusiker Jonathan Wilson wurde das Album nach und nach aufgenommen, befreundete Musiker kamen immer mal wieder vorbei und wurden von Tillman dirigiert, durften aber auch sehr wohl ihren eigenen Stil mit einbringen. „Es ist eine sehr singuläre Vision, ich habe die Musiker quasi dirigiert. Es war alles schon fertig in meinem Kopf, daher war es sehr einfach, ich kann das den Musikern ziemlich gut übermitteln.“ meint Tillman, nicht gerade von Selbstzweifeln geplagt.

Stilistische Ausflüge und Experimente

Für viele J Tillman Fans kann Father John Misty zu einer Zerreißprobe werden, denn „Fear Fun“ rennt nackig in die entgegengesetzte Richtung des verkopften Songwriters und entlegt sich aller strikten Regeln, denen J Tillman unterlegen war. Stilistisch findet man zwar viel Americana und Country in den Songs, aber es darf auch mal experimentell werden, etwa in „Sally Hatchett“, der sich im letzten Drittel wie ein Genesis Song (Peter Gabriel Ära „Fly on a Windshield, beispielsweise) ausbreitet und davon fliegt.

Josh: Ich hab diese Country Songs geschrieben und hatte diese Ideen über Amerikas Ästhetiken wie Glamour und Country, hatte einfach dieses merkwürdige Amerika im Kopf. Und ich wollte diesen Zaubertrick durchführen. Stilistisch sind die Songs überall verstreut aber da ist diese Erzählerstimme, die alles zusammen bringt. Mit diesem Album wollte ich den Präsedenzfall a la 'Ich kann machen, was ich will' und insbesondere „Sally Hatchett“ war der Song, bei dem ich mich so weit wie möglich heraus gelehnt habe, um dieses Beispiel zu setzen. Und der nächste Song (lacht) ist dann dieses '(gibt phonetische Countrytöne von sich) Bow ba boing bow'. Ich liebe das, ich liebe diesen Wechsel zwischen der Schwere des Songs am Ende und dann zu „You can do it without me“, der ja wirklich dieser einfache, groovy Countrysong ist.

„Fear Fun“; der Albumtitel kann sicher auch als letzte Kommentar zu J Tillman solo gesehen werden. Die alten Songs spielt er auf der Tour nicht, „Ich musste es wirklich umbringen, ich musste es auf einen Altar legen, ein Messer hinein rammen und das Blut trinken und ihm beim Sterben zusehen.“ In wenigen Sätzen wird immer wieder klar, wie schwer der Abschied gewesen sein muss, lange bevor Father John Misty geboren wurde, war da nur Josh Tillman, der sich eingestehen musste, dass er seine wirkliche Stimme in dem vermisste was er liebte – der Musik.
Vor dem Spaß an der Sache fürchtete er sich, davor, nicht weltbewegend, tiefgründig und universell aufrüttelnd zu sein, zu banal schien ihm sein eigenes Leben, seine eigene Stimme.
Dass der Umzug nach LA, der Roman, das als „Spidershack“ betitelte Haus von Josh dieses wunderbare Umdenken gebracht haben, diese Realisierung, dass man genau dann relevant ist, wenn man sich nicht inszeniert, sondern vor anderen nackig macht, ist ein Segen und zeigt sich eben in dieser wunderbaren Platte, die witzig, ehrlich, emotional und ausufernd schön ist.

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Josh: Ich kreiere Bedeutung anstatt sie zu suchen. Früher wollte ich Leute nicht unterhalten, ich wollte, dass sie etwas tief empfinden und ich wollte, dass sie der Menschlichkeit bedenken, ihre Existenz und Glaube und Tod in Betracht ziehen. Man kann Leute damit einfach nicht überrumpeln. Ich behandle diese Themen immer noch, aber ich konnte so etwas schon immer besser mit meinem Humor thematisieren und dieses einzigartige Talent – zumindest denke ich, dass es ein einzigartiges Talent ist – ist halt, diese existentiellen Themen in etwas zu verarbeiten, das so witzig und unerwartet und merkwürdig ist, dass es letzten Endes viel befriedigender ist.

Nachdem wir mit dem Interview fertig sind, werden Kamera und Tattowzubehör rein gerollt. Was es denn werden soll, frage ich und Josh überlegt nicht lange. „Eine brennende Hand, die aus einem See kommt, das ist ein wiederkehrendes Element aus meinen Träumen.“

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