Die Stimme im Text

Die Sprechprobe ist nach wie vor das untrüglichste ‚Gütesiegel‘ für Geschriebenes. Wenn wir uns unser Getippsel selbst laut vorlesen, stoßen wir wie von selbst auf jene Stellen, wo der Text verbesserungsbedürftig ist. Denn die Buchstaben sind nichts als Symbole für Labiales und Glottales, für die Knack-, Zisch- und Reibelaute unseres Stimmapparates, die wir beim Sprechen ausstoßen. Und natürlich für die Vokale, die dem Ganzen erst den vollen Klang verleihen.

Innerlich vollziehen wir diesen Sprechakt mit, auch dann, wenn wir leise lesen. Unser Muskelapparat in Kehlkopf, Nasen- und Rachenraum verhält sich imitatorisch, so, als ob er den Text spräche. Bei manchen Zeitgenossen sehen wir sogar, wie sich ihre Lippen beim Lesen bewegen. Ein guter Text muss daher – ganz unabhängig von seinem Inhalt – zunächst einmal ‚gut zu sprechen‘ sein: Der Satz wiege sich in einem regelmäßigen Rhythmus, der sich dem Atembedürfnis des Sprechers anschmiegt, gleiche Anlaute erleichtern uns das ‚innere Mitsprechen‘, weil die Mundstellung beibehalten darf – die SPRache SPRicht sich SPRechgerechter – während Folgen aus gleichen Vokalen im Text uns die Lippen- und Gaumengymnastik leicht machen, weil der Aufwand an muskulärer Stimmakrobatik auf diese Weise klein gehalten wird, ein Effekt, der in unseren ‚unvergesslichen‘ Kinderreimen und Zauberformeln besonders auffällig ist: ‚AbrAkAdAbrA‘. Auf umgekehrtem Weg funktioniert’s natürlich auch, alle ‚Zungenbrecher‘ überfordern schlicht die Biegsamkeit unseres Stimmapparats – schon beim leisen Lesen: ‚Der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten‘.

Falls sich jemand fragen sollte, weshalb der Durchschnittsmensch beim Anblick eines drohenden Redebeitrags aus dem Mund von Söder, Heil, Niebel, Dehm, Pofalla, Bütikofer oder Kauder fluchtartig nach der Fernbedienung greift, dann findet er die Antwort in solchen Gesetzen. Die Redebeiträge unserer politischen ‚Talking Heads‘ sind allesamt ’nur aufgeschrieben‘, es handelt sich um das berüchtigte ‚Papierdeutsch‘. Der pure Inhalt ohne jede Form ist unerträglich, unser inneres Ohr gewinnt den Eindruck, es solle gefoltert werden …

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