Die römisch-katholische Kirche auf der Suche nach einer modernen Metaphysik

Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, daß er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne.

Mit diesen Worten hatte sich Papst Johannes Paul II. am 14. September 1998 in einem Dokument mit dem Titel: »Fides et ratio« an seine ehrwürdigen Brüder im Bischofsamt gewandt. 13 Jahre lang hatte er an diesem Text gearbeitet. Kirchenrechtlich deklariert war er als Enzyklika. Er war als solches Zeugnis der obersten Lehrgewalt des Papstes. In der Vergangenheit waren Enzykliken, ungeachtet ihres kirchenrechtlich hohen Status, selten in die Öffentlichkeit gedrungen. In lateinischer Sprache geschrieben, erschienen sie wie Botschaften aus einer anderen, längst untergegangenen Welt. In diesem Fall war es jedoch anders. Fides et Ratio erntete ungewöhnlich viel öffentliche Aufmerksamkeit. Manche lobten sie gar als Magna Charta des Denkens. 

Was war geschehen? 

 Tatsächlich beinhaltet sie nicht nur den Ruf nach einer modernen Metaphysik, sie gibt auch vor, kein spezielles System vorzuschreiben.   Selbst der Präfekt der Glaubenskongregation, höchster Wächter der  römisch-katholischen Lehre, war vor die Öffentlichkeit getreten, um diesen Ruf zu bestätigen. 

Das Kernproblem der Enzyklika «Fides et ratio» sei die «Frage nach der Wahrheit». Sie sei nicht einfach eine der zahlreichen und vielfältigen Fragen, denen sich der Mensch stellen muss, sondern die unausweichliche, «fundamentale Frage», die sich durch das ganze Leben und die ganze Geschichte der Menschheit hindurchzöge.

Mit diesen Worten sollte der heutige Papst Benedikt XVI. am 15. Oktober 1998 im vatikanischen Pressesaal diese Enzyklika vorstellen. In dieser Präsentation betonte er, dass in der aktuellen kulturellen Situation die Trennung zwischen Glaube und Vernunft bis ins Extrem getrieben sei. Die Frage nach der absoluten und unbedingten Wahrheit sei aus der kulturellen Forschung und  dem rationalen Wissen des Menschen ausgeschlossen. Das allgemeine kulturelle und philosophische Klima würde die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Wahrheit erkennen zu können, negieren. Rationalität würde einfach nur auf ihre instrumentalen und funktionalen Aspekte reduziert. Die Philosophie verlöre auf diese Weise ihre metaphysische Dimension, sie würde die Metaphysik ausschließen. Mit der Enzyklika »Fides et ratio« würde sich der Papst, wie der Papst weiter ausführte,  in den Dialog der Intellektuellen unserer Zeit einschalten und die Frage aufwerfen: Warum will die Vernunft sich selbst daran hindern, nach der Wahrheit zu streben, während sie doch durch ihre eigentliche Natur darauf ausgerichtet ist, diese zu erlangen? An diesem Punkt wird offensichtlich, dass man eine Philosophie benötigt, die in der Lage ist, begrifflich die metaphysische Dimension der Wirklichkeit zu erkennen. Trotz dieser Fürsprache für die Metaphysik wolle die Kirche, wie der Papst seinerzeit fernerhin betonte, nicht ein bestimmtes metaphysisches System kanonisieren. Die Enzyklika sei in diesem Punkt ganz klar. Gerade hierin sähe auch er ihre Bedeutung: Der Papst würde die Philosophen dazu einladen, die Dimensionen der Weisheit und der Wahrheit – auch der metaphysischen – im philosophischen Denken wiederzubeleben.

Dies ist eine der ungewöhnlichsten Erklärungen, die die römisch-katholische Kirche während der letzten fast zwei tausende Jahre gegeben hat; eine Erklärung, die zu Recht als Magna Charta des Denkens bezeichnet wurde. Doch viele Intellektuelle mißtrauten ihr. 

Doch welchen Sinn hat dieses Mißtrauen, wenn sich kein Philosoph aufmacht, diesem Ruf nachzukommen. Um welche Fragen geht es?

Es sind folgende Fragen: Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Kann die Existenz des Transzendenten empirisch begründet werden? Und wie sähe eine solcher Beweis aus? Wird sie das trinitarische Gottesbild unangetastet lassen? Oder wird der Gottesbegriff tiefgreifenden Veränderungen unterworfen sein?

In den nächsten Blogs werden wir diesen Fragen nachgehen. 

2 Meinungen

  1. *g*aber unbreakable ist gut, fearless nicht

  2. Sehr geehrter Herr Hansen, da die Emailfunktion bei Germanblogs nicht funktioniert, schreiben wir Ihnen auf diese Art und Weise als Kommentar.Ich habe gesehen, dass Sie einen Kommentar bei uns auf http://www.theologisch.com verfaßt hatten. Darum sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Wir wollten Sie fragen, ob Sie Lust hätten, ab und an Artikel auf theologisch.com zu veröffentlichen. Sie können auch Artikel, die Sie anderswo veröffentlichen, dort hineinkopieren, oder wahlweise mit ein paar einleitenden Sätzen auf Artikel (auch Ihre eigenen) im Netz verweisen. Wir haben derzeit 100-150 Besucher pro Tag. Wir bemühen uns darum, den Spagat zwischen Wissenschaft und Glauben sowie Charisma zu schaffen auf unserer Homepage. Sie erreichen mich über: mail@theologisch.com Viele Grüße,Marc Gerlach& theologisch.com Team

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