Die Party vor dem Sturm

„Acht Jahre ist es her, da war ich zum ersten Mal hier. Seitdem jedes Jahr außer 2004“, erzähle ich meiner Freundin. Sie ist Festival-Neuling und kommt aus dem Staunen über mit unzähligen Bierfässern dekorierte Zelte oder Leute, die durch einen Trichter Bier exen und dabei Modern Talking oder Sportfreunde Stiller hören, nicht heraus. Da ist es wieder, das Festival-Feeling, denke ich mir. Jedes Jahr im Juni wird einfach drei Tage durchgefeiert, zugegebener Maßen auch durchgezecht oder sich anderweitig stimuliert. Die Pavillons, die verrückten Leute, die ekligen Dixie-Klos und Chicken-Wings mit Bier zum Frühstück – ich liebe Festivals:)

Alle Jahre wieder
Schnell noch den letzten Zentimeter für unser Zelt gesichert, in Sekundenschnelle jenes aufgebaut und alle Flüssignahrungsvorräte im Vorzelt gebunkert, einen Versuch der Bierrutsche bei unseren Nachbarn – und los geht´s auf das Gelände! Schnell noch den Deckel des Tetra-Packs weggeräumt, bevor die gierigen Ordner das Plastikteil wegnehmen (ich frag mich, ob es nicht mehr weh tun würde, wenn man jemandem ein Tetra-Pack mit voller Wucht gegen die Stirn knallt, als wenn man den Plastikdeckel dazu benutzt…), und dann endlich den heiligen Hügel hochrennen und über das Gelände gucken!

Es sieht irgendwie anders aus. Drei Bühnen statt zwei oder gar nur einer plus Zelt. Keine Verkaufsstände mehr, an denen Hüte, Schmuck und Co. aus Bangkok verkauft werden. Dafür gibt es jetzt einen eigenen Platz auf einem der Campingplätze.
Naja, egal, ich will meinen persönlichen Headliner sehen: Ben Harper! Viel zu früh spielt er, um 17.45 Uhr am Freitag Abend. Nicht gerade die Traumzeit für eine Performance, aber vielleicht ist es ja dann wenigstens nicht so voll. Weit gefehlt, die erste Reihe ist zwar nicht gerammelt voll, aber die Ordner voll scheiße, denn die lassen keinen mehr rein. Also schnell hinter den nächsten Wellenbrecher, damit ich meinen Helden zumindest sehen kann. Nach einem tollen Ben Harper bleiben wir einfach zusammengequetscht am Wellenbrecher stehen und gucken uns Seeed an. Sehr geile Bühnenshow, eigentlich nicht meine Musik, aber eine unglaubliche Stimmung und Performance. Unglaublich auch wieder die Ordner, die nämlich jeden regelrecht jagen, der oder die es wagt, vom Graben einfach einen Schritt nach vorne in die erste Reihe zu gehen. Teilweise werden die Leute am Nacken gepackt und mit einem Bullterrier-Blick der Front verwiesen. Recht unentspannt, die ganze Chose.

Kurz kommen wir noch in den Genuss der Artic Monkeys, bis es dann bei Manu Chao doch wieder entspannter wird. Wenn bei Clandestino einfach jeder mitsingt, auch der, der noch nie ein Wort Spanisch konnte, dann rockt das Haus. Auch wenn die alternde Kifferikone nicht wirklich grandios war und sich eigentlich jedes Lied gleich anhörte – ich hatte meinen Spaß! Nach knapp zwei Stunden Springen und Tanzen und spanischen Texten wollten wir uns mal auf die Seite der Briten stellen und mit Lightning Seeds die Kulthymne des englischen Fußballs mitgrölen. Komisch kam es uns schon vor, dass da so seltsame Jungs mit Wollmützen auf der Bühne standen, aber als die Combo dann auch noch auf Deutsch loslegte, war allen klar: das sind nicht die englischen Kultpopper. Naja, dann halt doch die erste Musiknacht in Scheeßel mit Maximo Park auf der blauen Bühne (es gibt die grüne, die blaue und die Zeltbühne) ausklingen lassen.
S

Samstag beim Hurricane – Rock around the Clock

Die Nacht war kurz, was unter anderem auch an dem geklauten Schlafsack einer Freundin lag. Aber kein Bodenfrost, kein Regen, eigentlich nur brütende Hitze und hundert-vier Versionen von „54, 74, 90, 2006“ aus allen Ecken des Campingplatzes. Der Kater hält sich in Grenzen, das Bier läuft auch schon wieder, nachdem Kaffee und Frühstück den flauen Magen passiert haben. Ich habe es sogar noch geschafft, eine der begehrter Duschplätze zu bekommen, ohne drei Stunden warten zu müssen, wie es eine Freundin musste – ungelogen!

Auf zu Skin, die mir etwas zu aggressiv gesungen hat, aber wo dann doch bei Songs wie Secretly der Gänsehautfaktor garantiert war. In brütender Hitze frischt unsere Bräune auf, und meine Stimmung steigt bei The Kooks aus England. Die Jungs waren echt super!!!!
Kurz zum Grillen zum Zelt, dann spalten sich die Lager: Das Deutschland-Spiel steht an. Vor dem Partyzelt drängeln sich die Fußball-Fans, ich komme kaum aufs Festival-Gelände, denn hey! Ich bin wegen der Musik hier! Obwohl, die Schweden….Naja, wir kommen zum Festival-Gelände durch, ergattern einen aufblasbaren Sessel von Radio Bremen, und merken, dass das Spiel auch auf der blauen Bühne übertragen wird. Da sitzen wir nun, chillen, gucken Fußi, ganz entspannt ohne drängelnde Leute und freuen uns auf Nada Surf, die unglaublicherweise nur 15 Minuten spielen durften!!!!!! Zwischendurch dröhnen die Raconteurs von der anderen Bühne, und nach dem Spiel kommen Death Cab for Cutie. Die wollte ich nur wegen des Bandnamens sehen, aber sie waren ganz cool.

Dann natürlich Mando Diao, die Schnuckel, und The Hives, die mich allerdings -wie schon vor zwei Jahren- nicht komplett vom Hocker gerissen haben. Dafür aber die Hunderste The-Band des Festivals: The Strokes! Sehr geile Show, gute Atmosphäre, toller Abend, ganz grandios! Natürlich auch nicht zu verachten: Sigur Rós. Wer sie noch nicht kennt, der sollte das schleunigst nachholen. Eigenwillig wie Björk, singen die Isländer in einer Phantasie-Sprache wie die Elben in Herr der Ringe. Irgendwie schön, anders, toll, seltsam – einfach selbst anhören!

Lightning überm Hurricane

Am Sonntag habe ich MEINE Band des Festivals entdeckt: Panteón Rococó. Die mexikanische Band hat einfach geniale Stimmung gemacht, Leute tanzten im Sonnenschein, die Combo hat Hunderte von Leuten auf die Bühne geholt und einfach gerockt, gersalsat, geraggaet, whatever! Ganz große Klasse! So klasse, dass die nächste Band, die Mad Caddies, die Mexikaner für einige Stücke auf die Bühne geholt hat! Nach einigen anderen Bands wie Lagwagon und den Cardigans wurden erstmal Sachen abgebaut und im Auto verstaut, schließlich müssen wir am Sonntag Abend wieder gen Heimat.

Noch Live genossen, die ich glaub ich jedes Jahr sehe:), und Apocalyptica und Wir sind Helden bewundert.
Als Bei Within Temptation dann Blitze am Himmel zuckten und dieser sich grau bis schwarz verfärbte, war klar: Hier gibt es gleich noch Regen. Das Regen untertrieben sein würde, wußte noch niemand. Erst als wir im Auto saßen, stolz, so früh loszudüsen, ohne Stau und alles, machte das Festival seinem Namen alle Ehre: Ein Unwetter sondergleichen fegte über den beschaulichen Ort und die Musik-Fans. Geschlagene sechs Stunden mußten wir warten, bis es vom Parkplatz runterging. Wir schoben und zogen Autos durch den Matsch, waren von oben bis unten mit Modder beschmaddert und standen Stunden barfuß im Matsch. Bis ein Bauer mit seinem Trecker unser Auto endlich aus dem Matsch zog. Inzwischen stecken fast alle Wagen im Schlamm fest, der Blitz hatte im Ort eingeschlagen, die Leute wurden vom Gelände evakuiert und auf den Zeltplätzen wurden Notzelte eingerichtet.
Als wir in Hamburg ankamen, war es hell und trocken, keine Spur von einem Unwetter. Nur unsere schlammigen Gesichter, Füße und Beine erinnerten an den krassesten Sturm beim Festival, seit es das Hurricane gibt. Die blauen Flecken, die Heiserkeit, die Bilder und die Musik erinnern daran, dass wir wieder mal ein Wochenende lang eine Menge Spaß hatten!

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