Die Figur des Autors

Besonders interessant finde ich immer die Frage des Erzählerstandpunkts. Die altehrwürdige Ich-Perspektive, wo der Autor selbst der Held ist, weil er dank der ‚Ersten Person Singular' den Kopf des Erzählers bewohnt, die ermöglicht uns natürlich ein genaues Bescheidwissen: Mit ihrer Hilfe können wir den Leser über die innersten Gedanken und Gefühle unseres Fabelwesens auf dem Laufenden halten. Nur ist diese ‚Godlike-Position' oft nicht erwünscht, weil sie das ‚Geheimnis' einer Erzählung zerstört.

Krimi-Autoren, Chandler oder Hammett, gehen daher trotz einer Ich-Perspektive sehr sparsam mit der inneren Reflexion um: Die Handlung, die Gesten und der Dialog müssen uns ‚alles' sagen, das werte ‚innere Ich' raisonniert eigentlich nur über gesellschaftliche Themen: ‚Das Haus blickte auf mich so leer und verkommen, wie ein betrunkenes Society-Girl morgens um halb fünf auf den letztmöglichen Freier'. Das Innere des Ich ist für die pessimistische Weltsicht und den Zynismus zuständig: Wenn harte Kerle kommentieren … 

Auch ein Dostojewski bspw. arbeitete gern mit der unmittelbaren Methode, nur wählte er – als geborenes Genie – nur selten die Hauptfigur zum Wirtstier, er kam in der Regel von der Seite, als ein Ich in der Person eines randständigen Fremden, der dann wie eine Sonde das Geschehen beobachtet und sich mehr oder minder kluge Gedanken macht.

Trotzdem: Die Ich-Perspektive hat schwerwiegende Nachteile: So sind Ortswechsel nur selten möglich: Wo die Figur ist, muss immer auch der Autor sein, anderes kann er nur noch über Nacherzähltes in den Erzählfluss einbringen. Eine umständliche Methode, die den Leser wiederum langweilt. 

Wenn's also um Nebenhandlungen geht, um mehrere Handlungsstränge, dann ist immer eher die dritte Person Singular angebracht – der Autor schwebt hierbei als ‚Geist über allen Wassern' und berichtet mal von hier, mal von da. Es handelt sich – von Eugen Sue bis Karl May oder Tolkien – um die gewöhnlichste und auch abgedroschenste aller Erzählperspektiven: Dero Allwissenheit, der Autor, kennt sich dabei in den Köpfen aller Mitspieler bestens aus. Ein Beispiel von Ferdinand von Saar, dem Sänger des ‚alten Österreich': ‚An einem milden sonnigen Septembermorgen schritt Leo Bruchfeld die weitläufige Gasse hinunter. Er erinnerte sich noch der Zeit, wo hier nur zwei Reihen unansehnlicher Häuser gestanden … Aber das rief in ihm keine elegische Stimmung hervor'. Der Schreiber weiß, was der Leo gerade denkt und wie er sich fühlt. Trotzdem könnte er jederzeit in die nächste Figur ‚hoppen': ‚Derweil stand Frieda am Fenster. Ihr war unsäglich traurig zumute …'

So lange wir nicht darüber nachdenken, fällt uns das extrem Unwahrscheinliche dieses Verfahrens gar nicht groß auf. Wir sind dies per ‚Lesekonvention' gewohnt. Wahren Meistern aber stieß der Verstoß gegen das Mögliche natürlich schon auf – und sie haben dieses erkünstelte Verfahren wesentlich verfeinert. 

Guy de Maupassant hielt sich komplett aus dem Seelenleben seiner Figuren heraus und ließ nur Worte, Handlungen und Gesten sprechen – aber wie, aber wie! Joseph Conrad in seinem Roman ‚Sieg' führt ein höchst unbestimmtes ‚Wir' als Erzählperson ein: ‚Ein paar von uns, die das nötige Interesse aufbrachten, gingen zu Davidson, um Näheres zu erfahren'. Was der Leser dagegen nie erfährt, ist wer dieses mithandelnde ‚Wir' eigentlich ist. Kein Name fällt, keine Beschreibung, kein Dialog untereinander. Die Situation gleicht der einer Erzählung an einem runden Tisch, an dem auch der Leser sitzt, der sich zu diesem ‚Wir' zählen darf, das die Geschichte mosaikartig zusammenträgt.

Conrad operiert – um den Terminus technicus zu verwenden – mit einem ‚kollektiven Erzähler', der in etwa der Gemeinschaft europamüder versprengter Händler- und Abenteuerexistenzen im malaiischen Archipel vor dem Ersten Weltkrieg entspricht. Und der Leser gehört unmittelbar dazu. Ein phantastisches Verfahren, das einen unglaublichen Lesesog entwickelt, weil es den Leser einbezieht. Während es zugleich Ortswechsel gestattet und Multiperspektivität.     

Von jenen artistischen Feinheiten, wo auch die Landschaft zum Erzähler wird, bei Conrad, bei Hemingway oder bei Faulkner, vielleicht beim nächsten Mal mehr …

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