Die Darmsanierung – On the Road to Wellville darf nicht gespart werden, auch nicht am guten Geschmack!

(Foto: Irrigator,  bei eBay gefunden)
Zu den beliebtesten Therapien mittelalterlicher Ärzte gehörte das sogenannte Purgieren (Lat.: für Abführen). Die Quacksalber vermuteten, dass sich im Organismus etwas Unreines befände und hofften diese Schlacken mittels Klistieren zu entfernen. Nun könnte man/frau denken, spätestens die moderne Medizin hätte mit diesem Aberglauben aufgeräumt, also zumindest unsere Vorstellungswelt saniert. Weit gefehlt, bis in die Gegenwart erfreut sich der unappetitliche Unfug großer Beliebtheit und saniert vornehmlich die Finanzen der Sanierer.
 
Als „verschlackt“ wird der menschliche Organismus auch heute noch von vielen Zeitgenossen angesehen, obwohl es, medizinisch betrachtet, keine „Schlacken“ im Körper gibt. Dennoch erfreuen sich Anwendungen und Präparate, die der „Reinigung“ und „Entschlackung“ dienen, anhaltender Beliebtheit. Googeln Sie mal den Suchbegriff „Darmsanierung“, da warten nicht nur bemerkenswerte Offerten, wie zum Beispiel drei Spülungen für nur lächerliche 180 Euro, sondern auch höchst interessante Informationen auf Sie! Wussten sie schon, dass die Darmsanierung auch gegen Migräne, Bronchialasthma, Heuschnupfen, allergische Hautkrankheiten und Akne helfen soll. Da wird man/frau doch neugierig oder?
 
Die populärste der vielen seltsamen Sanierungsmaßnahmen ist die Colon-Hydro-Therapie. Bemerkenswerterweise ist diese Behandlung eine Erfindung der NASA. Den Astronauten dient die Colon-Hydro-Therapie als Verdauungshilfe in der Schwerelosigkeit. Als himmlisches Geschenk hat diese Abhilfe gegen kosmische Obstipation nun ihren Weg auf die Erde gefunden. Ich kann Ihnen/uns die technische Beschreibung des Verfahrens nicht ersparen:
 
Es werden große Mengen körperwarmen Wassers mit Druck in den Darm geleitet und die gelösten Substanzen über separate Schläuche abgeleitet. Während der Behandlung bekommt der Patient eine Bauchmassage. Über ein Glasröhrchen können Patient und Therapeut beobachten, was aus dem Darm herauskommt. Eine Therapiesitzung dauert zwischen 45 und 60 Minuten. Empfohlen wird eine Kur mit 5 bis 10 Anwendungen. Immerhin besteht bei einer vorsichtigen Durchführung der Prozedur keine allzu große Gefahr für einen Darmdurchbruch. Einige Gastroenterologen warnen aber davor, dass durch diese Art der Behandlung die Mikroflora im Darm empfindlich und dauerhaft gestört werden kann.
 
Generell spricht die Schulmedizin der Colon-Hydro-Therapie entschieden jegliche Wirksamkeit ab. Das Wohlbefinden der Patienten erklären Kritiker damit, dass die Patienten massiert werden und sie sich innerlich „gereinigt“ fühlen, also mit psychischen Effekten.
 
Ah ha, es handelt sich um etwas Psychisches! Der Darm als Sitz der Seele und damit Proktologie in Konsequenz als Religionsform? Es ist schon ein verwegenes Unterfangen, seelische Erkrankungen mit rektalen Placebos zu behandeln. Wem dieser Weg zum Wohlsein dann doch zu lang, schmutzig und teuer ist, dem empfehle ich täglich einen Becher probiotischen Joghurt zum Frühstück. An den muss man/frau allerdings auch glauben, denn ob zusätzliche Bakterien aus probiotischen Joghurts die Darmflora eines gesunden Menschen verbessern können, wird beispielsweise von Professor Michael Teuber, Lebensmittelmikrobiologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, bezweifelt.
 
Halt, Darmbakterien im Joghurt??? Igitt, das Thema wird mir jetzt doch zu ekelhaft! Es ist an der Zeit, zu einem Ende zu finden – natürlich zu keinem Guten:


Als Fazit bleibt alleine die Erkenntnis, dass sich aus Schei…..prima Geld und Auflage machen läßt, aber das ist ja nicht wirklich eine Neuigkeit. Vielleicht widmet demnächst endlich auch Herr Markwort dem Thema „Darmsanierung“ eine Headline im Focus. Der ominösen Chinesischen Medizin und dem noch viel seltsameren Homöopathie-Spuk wurde diese zweifelhafte Ehre ja schon zuteil. Ich wünsche mir von Herrn Markwort einen persönlichen Erfahrungsbericht in Sachen „Darmsanierung“, das wäre dann wahrhaft investigativ recherchiert.
 



 
Die Chefarztfrau wünscht gute Verdauung 

4 Meinungen

  1. Das soll, um Himmels Willen, keine Verteidigung dieser, ahem, Behandlungsmethode sein.Aber: Diese Menschen haben doch ein meist medizinisches Problem, ein Grundleiden, wie’s so schön heißt. Sonst bedürften sie doch keiner Behandlung? Und wir dürfen mit großer Sicherheit annehmen, daß diese Leutchen den zweifelhaften Darmwaschsalon nicht als Ersteinlauf.. äh, Erstanlaufstelle gewählt haben?Daher dürfen wir ohne viel Hin und Her schließen, daß dem Entschluß, sich einer Darmwäsche zu unterziehen, ein bis zu dutzendfaches Klinkenputzen bei regulären Ärzten und Ambulanzen vorangegangen ist? Und wir dürfen weiters annehmen, daß die Erfolge der Damen und Herren Weißkittel, na sagen wir mal gnädig, ‚dürftig‘ und ‚Wirksamkeit‘ bzw ‚Nachhaltigkeit‘ der Therapie nicht gegeben waren.

  2. Auf Grund der vielen, vielen Antworten, herzlichen Dank auch, kann man deutlich erkennen, wie interessant mein Beitrag war. Dabei liegt genau hier das Problem des Gesundheitswesens: Schlecht ausgebildete / fortgebildete Ärzte interessiert der Erfolg ihres Tuns nur wenig. Qualitätskontrolle = Null. Die Patienten sind frustriert und laufen zuerst von einem Arzt zum anderen und dann – eben zum Quacksalber.A propos ’schlecht ausgebildet‘. Eigentlich hätte ich mir erwartet, daß in obigem Beitrag etwas von Fructose-Malresorption (FM) drinsteht. Einem Leiden, an dem ca 30% der Bevölkerung irgendwie laboriert und von dem die meisten Ärzte kaum eine blasse Ahnung haben – weil derzeit keine medikamentöse Heilung des Problems in Sicht ist und keine Pharmareferenten mit Ärztemustern und entsprechender ‚Aufklärung‘ (= Verkaufsauftrag) herumlaufen, wissen auch die allermeisten Ärzte nix davon. (Der Kabarettist Georg Schramm erwähnt in seinem Programm ‚Thomas Bernhard hätte geschossen‘, daß er einen Pharmarefernten erschossen hätte ..)Jedenfalls ist FM ist eine hinreichend erforschte Problematik, hat mit langsamen GLUT-5 Transporter in der Dünndarmwand zu tun und verursacht – jetzt kommts – durch den zu langsamen Abtransport von Fructose eine zu hohe Fructose-Konzentration im Dickdarm. Das Überangebot von Fructose führt dort zur Vermehrung verschiedener Keime und zu entsprechenden Gärungsprozessen. Nachlesen! Entstehende Giftstoffe und Gase treten in den Blutkreislauf über und verursachen diverse Beschwerden, von deren Ursache die Damen & Herren doctores keine Ahnung haben. Naja, die häufigste Diagnose ist die Fehldiagnose. Eine zielführende Therapie ist ohne korrekte Diagnose kaum je in Sicht.Jedenfalls dürfte die Darmwäsche ein Mittel sein, diese Fehlbesiedelung des Darmes temporär zu reduzieren und für kurze Zeit (das Grundleiden wird ja nicht behandelt) eine deutliche Erleichterung zu verspüren. Die Darmflora ist da eh schon kaputt … eine sehr vergleichbare Erleichterung verspüren auch FM-Patienten, deren Darm vor einer Colonoskopie gereinigt wird. (Da hat man merkwürdigerweise ja keine Angst vor Schädigung der Darmflora). Jedenfalls haben die ‚Darmwäscher‘ (daher nenne ich sie oben auch Qualsalber) offenbar keine Ahnung, WARUM es ihren Patienten besser geht und die meckernden Ärzte haben keine Ahnung, WARUM denn diese ‚dummen‘ Patienten denn zu den Darmwäschern laufen.Wenn also die Damen & Herren Gastroenterologen ihr Geld wert wären, dann könnten die FM-Patienten auch Rat und Heilung ohne großes Theater erhalten. Und ich wette, daß niemand zu einer Darmwäsche läuft, der mit seinem Leiden nicht zumindest bei drei oder vier Ärzten war – die ihm mangels Wissen nicht helfen konnten. In diesem Sinne war obiger Artikel durchaus wichtig, vielleicht lernt ja auch jemand was daraus ..

  3. Bezüglich der 3 Lehrer, die mit ihren Schülern für 3(!) Monate einen Ausflug machen:Das kann doch nicht gut gehen. Nach drei Monaten stressen sich die Schüler doch gegenseitig nur an. Natürlich ist es eine gute Erfahrung, aber betreuen will ich sowas nicht.

  4. Jeder Kunde „Kranke“ zahlt diese „Sanierung“ immerhin selber und wird nicht vom Staat subventioniert. Und bei unserem Gesundheits-, ähm Krankheitssystem reiben sich viel mehr Quacksalber die Hände. Und ich glaube eine mangelnde Schulmedizinausbildung ist nicht das Einzige Problem.
    In diesem Sinne spricht obiger Artikel schon richtige Punkte an, allerdings wäre mir ein vergleichender Bericht, mit ein wenig mehr Neutralität lesenswerter gewesen.
    Vielleicht klappt es mit dem nächsten Thema.
    Viele Grüße
    Karl

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