Der Zuwanderungswiderspruch

Laut CDU will man im Rahmen einer „familienorientierten
Bevölkerungspolitik“ die „Zuwanderung von gesuchten Arbeitnehmern in den
nationalen Arbeitsmarkt ermöglichen und steuern“. Schon wenn man sich die
Situation auf dem Arbeitsmarkt ohne besondere Betrachtung der älteren
Arbeitnehmer ansieht, muss man sich doch spontan wundern, wieso man bei
statistischen rund fünf Millionen Arbeitssuchenden zuzüglich all derer, die in
Qualifizierungsmaßnahmen geparkt werden oder aus anderen Gründen aus der
offiziellen Statistik fallen, überhaupt über Zuwanderung von Arbeitskräften
nachdenkt!

Bezieht man jetzt auch noch die Situation der älteren Arbeitnehmer ein, wird´s
völlig unverständlich. Das Erwerbspersonenpotential der über 50jährigen liegt
nach Angaben des aktuellen Altenberichtes der Bundesregierung bereits jetzt bei
10 Millionen Menschen und wird bis zum Jahre 2020 auf fast 15 Millionen
Menschen ansteigen. Schon jetzt sind nur noch rund 45 Prozent aller über
55jährigen erwerbstätig. Damit ist die Erwerbsquote dieses Personenkreises seit
1970 um fast 10 Prozentpunkte gefallen. Es herrscht zumindest in der
Wissenschaft weitgehender Konsens dahingehend, dass heutzutage eine
Diskriminierung älterer Arbeitnehmer stattfindet. Die vorhandenen Wissens- und
Erfahrungspotentiale älterer Arbeitnehmer werden im Allgemeinen äußerst gering
geschätzt und für weitgehend wertlos erachtet.

Nicht umsonst gibt es das geflügelte Wort, Firma XY suche einen ledigen
Spezialisten, der maximal 25 Jahre alt sein dürfe, aber schon 30 Jahre Berufserfahrung
nachweisen müsse. Erstaunlich dabei, dass diejenigen, die maßgeblich zu dieser
Diskriminierung älterer Arbeitskräfte beitragen, selbst als Geschäftsführer und
Vorstände in sehr vielen Fällen 55 Jahre und wesentlich älter sind. Dieser
Umstand erscheint mir sogar psychologisch interessant. Handelt es sich um eine
Schutzfunktion zur Sicherung der eigenen Machtposition?

Im Übrigen. Welche Fachkräfte fehlen denn angeblich in Deutschland so dringend?
Akademiker können kaum gemeint sein. Davon gibt es derartige Mengen, dass
selbst in den freiberuflichen Sparten eine flächendeckende Überversorgung
besteht. Fehlten also beispielsweise Krankenhausärzte, könnte man zunächst
damit beginnen, die Arztdichte im niedergelassenen Bereich auf ein vernünftiges
Niveau zurück zu führen. Dies hätte auch interessante Auswirkungen auf das
Gesundheitssystem und damit wieder auf die Arbeitskosten. Und alle
nicht-akademischen Qualifikationen lassen sich in zeitlich überschaubarem
Rahmen nachholen.

Sollte es tatsächlich einen Fachkräftemangel nennenswerten Ausmaßes in
Deutschland geben, wäre zunächst einmal die Priorität auf die gezielte
Qualifizierung der Arbeitssuchenden (und zwar unabhängig vom Alter) kombiniert
mit einer gezielten Förderung der jeweiligen Ausbildungsgänge jugendlicher
Schulabgänger zu legen. Statt dessen wird jeder zweite Arbeitslose zum EDV-
oder Bürokaufmann (den kein Arbeitgeber nachfragt) umgebaut und
Ausbildungsplätze gibt es von Jahr zu Jahr drastisch weniger.

By the way. Da gab es doch mal diese tolle Geschichte mit der Green Card, die
auch für den Zuzug Hochqualifizierter Sorgen sollte. Eine Lachnummer war das!
Erzählt mir also nichts vom Fachkräftemangel. Diese Legende wird lediglich von
der Industrie in der Form eines kleinen moralischen Feigenblättchens als
Rechtfertigung für restriktive Personalpolitik vorgeschoben.

2 Meinungen

  1. Das ist knallharte Wirtschaftspolitik. Die Unternehmen sind im Jugendwahn und so sollen die ihre jungen dynamischen unerfahrenen Arbeitskräfte auch bekommen. Hier wedelt wiedermal der Schwanz mit dem Hund. Statt Kinder und Familie im eigenen Land zu fördern, wählt man die offensichtlich billige Variante. Eine Politik der BRD seit ihrem Bestehen. Offensichtlich scheint es egal ob eine Nation ihren Fortbestand erfährt, wenn nur die Wirtschaft mit schnell greifbaren Nachwuchs bedient wird. Ich werd’s jetzt nicht aussprechen, sondern formulier’s mal anders. Welchem Volk dient unsere Politik eigentlich?

  2. Dieter Petereit

    Die letztgenannte Frage stelle ich mir auch desöfteren und komme dabei stets zu dem gleichen Ergebnis: keinem.Das Problem ist, dass man etwaigen Forderungen aus der Wirtschaft nahezu widerspruchslos zu entsprechen versucht. Wie ein Hund, dem man ein Stöckchen wirft. Und nach dem Holen des Stöckchens kommt man mit hängender Zunge zurück, nur um fest zu stellen, dass die Wirtschaft längst das nächste Stöckchen geworfen hat….

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