Der Sündenbock. Ein kleines Buch mit grosser Wirkung

Es ist immer schwer, die Handlung eines Buches oder Filmes nur in ein paar Sätzen zu fassen … Der Sündenbock „ist äußerlich gesehen ein Kriminalroman, von innen betrachtet aber ein Stück Menschenleben (…)" verspricht die Buchhülle. Ein Kriminalroman, weil eine alte Frau durch einen Sturz von einer Treppe stirbt und dieser Tod Aufsehen im Dorf erregt. Wurde da ein wenig nachgeholfen? Es stellt sich nämlich heraus, dass das alte Fräulein Grasset ein äußerst geiziger, boshafter Mensch war, noch dazu superreich, die ihre armen Verwandten allerdings am langen Arm verhungern ließ. Der Leser denkt unwillkürlich: eigentlich ist es nicht schade um die Frau …

Nun soll vom Kommissar ein Sündenbock für die Tat gesucht werden. Es wird jemand gebraucht, den man bestrafen kann, aber das ist nicht einfach, denn als Verdächtige bieten sich die armen Verwandten (Familie Karel) sowie deren Haushälterin (Martha) an. Es liegt in der Natur des Wortes ‚Sündenbock', dass dieser nicht der Schuldige sein muss (aktive Handlung), sondern dass er/sie zu solchem gemacht wird (passiv), also geopfert wird.  

Mehr noch als die Diskussion um die Frage, wer die Tat sühnen sollte, zieht sich das Thema des Geldes durch Der Sündenbock. Geld, das gebraucht wird, um die Kuren für die gelähmte und stumme Frau Karel zu bezahlen. Doch wie wir alle bereits ahnen: Geld macht nicht glücklich und die arme Familie Karel nicht reich. Geld ist der Katalysator des Buches, erzeugt die Spannung zwischen der Tante und ihrer Familie. Geld zerstört sie und bedeutet auch keine Hilfe mehr für die kranke Frau Karel. Luise Rinser stellt hier eine bemitleidenswerte, auswegslose Situation dar. Eine Familie, allein gelassen im Elend. Eine Familie, die ihrer Tochter keine Wärme und Geborgenheit bieten kann; in der das offensichtliche Problem der kranken Mutter totgeschwiegen wird. In diesem Sinne ist auch das ganze Dorf/die Kleinstadt als Sündenbock zu begreifen: niemand, der den Karels Hilfe angeboten, der kleinen Tochter ein Zuhause gezeigt hätte. Alle tragen eine Teilschuld an dem, was geschehen ist.

Der Sündenbock, 1954 veröffentlicht, zeigt eine Familienkonstellation, die auch heute noch aktuell ist. Fragen nach Schuld und Sühne, Moral und der Verantwortung unseren Mitmenschen und Verwandten gegenüber, stellen sich nach der Lektüre ein und waren für unsere Buchklubrunde Anlass zu angeregter Diskussion.

Rinser, Luise: Der Sündenbock, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1954

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