Der Junge aus Reval

Früher habe ich jedem gerne mitgeteilt, Gernhhardt sei eigentlich der größte lebende deutsche Dichter. Jetzt, da er tot ist, erinnern sich zwar vielleicht manche wieder meiner Aussage. Aber gleichzeitig hat sie sich schon wieder erledigt. Jetzt könnte man dafür sagen, er sei einer der größten der Nachkriegszeit gewesen. Klingt aber nicht mehr so toll. 

Seine Größe lag für mich darin, daß er sich vielleicht mehr als andere deutsche Autoren seiner Generation die deutsche Literatur angeeignet und sie dann auf sehr fruchtbare Weise wiederhergegeben hat. Durch diese Parodien lernte er den Formenreichtum der deutschen Lyrik. Vor allem nahm er auch alte Spielchen wie "Bilden Sie mal einen Satz mit" wieder auf, die wie auch die Paulus-Gedichte eine faszinierende Eigendynamik entwickelt haben. Diese Spielchen zeigen ja auch, daß da eine Verwandtschaft mit einem anderen Balten besteht, nämlich mit Heinz Erhardt, der in Riga geboren ist. In Ländern geboren zu sein, wo Russisch, Estnisch oder Lettisch und Deutsch gesprochen wurde, begünstigt vielleicht den Hang zu phonetischen Spielereien.


Dann kam zu der Parodie noch ein gewisses Etwas hinzu;  zu dem parodierten Gedicht oder der parodierten Form gesellten sich manchmal mehrere neue Lesarten. Ein schönes Beispiel dafür sind die Materialien zu einer Kritik einer Gedichtform italienischen Ursprungs, die auch

später noch eifrig diskutiert wurden. In dem Gedicht schimpft zwar jemand, er fände Sonette "so was von beschissen". Es handelt sich aber bei dem Gedicht selbst um ein Sonett, und so erledigt die Form hinterrücks den Sprecher, der über sie ablästert. Und die Parodie auf Hofmannsthals "Terzinen an die Vergänglichkeit" stellt Vergänglichkeit vielleicht noch besser dar als die Vorlage. Mehr dazu hier.

Schließlich hatte er sich so einen eigenen Ton erarbeitet. Die erste Zeile des Volksliedes Handwerksburschenabschied lautet "Es, es , es und es". Er macht daraus vier Zweizeiler mit einer gedanklichen Wendung im letzten Vers.

Es ist nicht schön, wenn man begreift:
Du bist nur gealtert, du bist nicht gereift.

Es tut nicht gut, wenn man bemerkt:
Die Zeit hat nur deine Schwächen verstärkt.

Es führt nicht weit, wenn man erkennt:
Was du auch anfängst, es ist der Anfang vom End.

Es baut etwas auf, wenn man bedenkt:
Mit dem Tod bekamst du das Leben geschenkt.

Genauso eigensinnig ist auch das Gedicht Im Kreis kreisen, das man hier nachlesen kann und das zwei Themen von Rilke zu variieren scheint. Wo bei Rilke noch Gott ist oder eine Mitte, um die man sich dreht, ist bei Robert Gernhardt nur noch ein großes Fragezeichen geblieben. 
Man könnte mit seinem Werk ganze Lyrikeinführungen bestreiten, weil es alle Formen enthält und weil man aus seinem Werk fast die gesamte deutsche Lyrik rekonstruieren könnte. Sie war immer wieder der Ausgangspunkt seines Schaffens. In seinen Gedichten spiegeln sich Goethe, Heine, Brecht und Benn, aber auch der große Komiker Thomas Mann oder Franz Kafka. Es gibt in Wirklichkeit nicht viele deutsche Autoren, von denen man das noch sagen könnte. Vielleicht werden es bald wieder mehr.
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