David Wojnarowicz: A Fire in my Belly – Interpretation

Das Video von David Wojnarowicz „A Fire in my Belly“ erschüttert derzeit die Kunstwelt – oder weniger das Video selbst, denn den Umgang damit.

Auf Drängen der Catholic League wurde es aus der Ausstellung „Hide/Seek: Difference and Desire in American Portraiture“ der Smithsonian National Portrait Gallery entfernt (auch wenn hier behauptet wurde, nicht auf das Drängen eingegangen zu sein).

Besonders stört sich die Liga unter Bill Donahue an einer Sequenz, in der Ameisen über ein Kruzifix krabbeln – in Verbindung mit den anderen Bildern des Films mutmaßt man Blasphemie.

Video von David Wojnarowicz Opfer religiöser Zensur

Die Kirche, beziehungsweise die Religion, und die Kunst hatten schon immer eine schwierige Beziehung: Einerseits sollten religiöse Themen verarbeitet, aber bitteschön keinerlei Kritik geübt werden, denn ansonsten schlug schon immer die Zensur erbarmungslos zu. Im Falle des Videos von David Wojnarowicz verhält es sich allerdings noch ein wenig anders: Der Film „A Fire in my Belly“, entstanden zwischen 1986 und 1987, lief ursprünglich 13 Minuten, in denen die beanstandeten Szenen nicht vorkommen, und wurde nach dem Tod des Künstlers 1992 um weitere, aufgefundene 7 Minuten erweitert – das Smithsonian editierte den Film für die Ausstellung auf 4 Minuten.

Die monierte Jesus-Sequenz dauert lediglich wenige Sekunden, davor und danach präsentiert der Künstler verstörende, persönliche Bilder der Straßen von Juarez in Mexiko, Hahnenkämpfen, dem Tag der Toten, geschlachteten Tieren und sich drehenden Metallrädern. Schicksal, Tod, aber auch Hoffnung auf Erlösung spiegeln sich in den Videoaufnahmen wider.

Wojnarowicz war als katholisch geprägter, homosexueller Künstler im New York der 1980er Jahre dicht am Geschehen der hier aufkommenden Kunstszene und auch am Schrecken, der Einsamkeit, der Unausweichlichkeit und des Leids der AIDS-Epidemie jener Tage. Das Werk ist seinem Partner und Mentor Peter Hujar gewidmet, der an AIDS starb – Wojnarowicz selbst wurde H.I.V. positiv diagnostiziert. „A Fire in my Belly“ arbeitet all dies auf, verbindet es mit in Mexiko gedrehten Bildern, die eine grundlegende Gewaltbereitschaft der Menschen zu zeigen scheinen, und drückt auch Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit im Angesicht der und als Reaktion auf die Epidemie aus.

A Fire in my Belly mit vielen Interpretationen

Das Kunstwerk ist mehr als nur aufeinander folgende Sequenzen und Bilder, von denen zumindest eine der Catholic League missfällt: David Wojnarowicz hat mit seiner Videokunst ein Werk geschaffen, das – wie jedes wichtige, künstlerische Werk – nicht nur eine Interpretation haben kann. Wenn man also nach nur einer einzigen Aussage für das nunmehr zwanzig minütige Video sucht, steht man sich selbst im Wege. Denn der Film will zum nachdenken anregen, zum aufnehmen, zum fühlen und zu einer eigenen Interpretation, die auch im Sinne Roland Barthes den Schöpfer des Werks außen vor lassen kann.

Nachdem die 4-Minuten-Fassung aus dem Smithsonian verschwunden ist, wurden sowohl die 13 als auch die 20 Minuten Versionen als Antwort auf die Zensur von etlichen anderen Museen aufgenommen. Zudem ist sie im Internet zu sehen, so dass man sich selbst einen Eindruck über eine mögliche Interpretation machen kann.

[youtube RM_80zif-5w]

Weiterführende Links:

http://www.ppowgallery.com/selected_work.php?artist=14

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