Zunächst ein etwas gewagter Gedanke, aber ich glaube, dass da etwas dran ist: Ohne den jüdisch-christlichen Schöpfungsglauben gibt es keine Naturwissenschaften. Die aufgrund der Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf sind die Geister aus der Welt ausgezogen. Dadurch, dass nicht unter jedem Stein ein Dämon lauert und nicht auf jedem Berg eine Gottheit verehrt wird, konnten die Menschen mit der Erforschung der Natur beginnen. Sterne und Berge und Kühe und Pflanzen sind keine Götter, sondern sind, wie die Menschen von Gott gemacht. Wir sind nicht der Willkür von Wettergottheiten ausgesetzt, sondern können das Wetter erforschen und vorhersagen. Die Beispiele ließen sich vermehren ,wichtig zu sehen ist aber, dass die Tabus durch den Schöpfungsglauben aufgehoben sind – was aber natürlich nicht von der Verantwortung entbindet, mit der Schöpfung ordentlich umzugehen!
Ein Weiteres: Die Biologie, als Beispiel, ist eine Erfahrungswissenschaft, die ihre Sätze aus der Anschauung der Natur gewinnt. Die Theologie interessiert sich dagegen für die Sätze, die der christliche Glaube aufstellt (Theologie erforscht also nicht Gott!). Sie ist eine hermeneutische und keine empirische Wissenschaft. Die Frage lautet z.B.: Was meint der christliche Glaube, wenn er sagt, Christus sei von den Toten auferstanden. Es geht also um das Verstehen und nicht um das Erklären.
Jedoch: Theologie ist nicht der Christliche Glaube. Sie ist bestenfalls eine Funktion des Glaubens, und zwar als Selbstauslegung. „Was meinen wir, wenn wir von Gott reden?“ Der Glaube selbst ist keine Wissenschaft. Es auch schwierig, den christlichen Glauben als „Wissen“ zu bezeichnen. Er ist eine Gewissheit, allerdings eine, die nicht durch Experimente zu belegen ist, die sich aber in der Praxis, also im Leben des Einzelnen und Zusammenleben bewähren muss. „Was hilft im Leben und im Sterben?“ Durch Argumente ist eine Solche Gewissheit nicht herzustellen, weil sich der Glaube als Antwort versteht, und zwar als Antwort auf die Anrede durch Gott. Man nennt das auch Offenbarung. Zu beschreiben, was Offenbarung ist, ist Sache der Theologie. Dem Gläubigen genügt es zu wissen, dass ihm etwas offenbar geworden ist, worauf er künftig sein Leben gründen will und was ihm das Sterben leichter machen wird.
Und schließlich: Alles, was Menschen wissen von der Welt und was ihnen gewiss ist, ist an Menschen gebunden. Soll heißen: man kann nicht neben sich treten und die Welt neutral und objektiv betrachten. Alles Wissen ist an die Perspektive gebunden. Biologen betrachten die Welt mit biologischen Verfahren, biologischen Instrumenten und mit biologischen Methoden. Darum kommen dann auch immer nur biologische Ergebnisse heraus. Im biologischen Werkzeugkoffer befinden ich keine theologischen Instrumente (und umgekehrt). Wenn es da eine Vermischung gibt, dann kommt nichts Gutes dabei heraus. Versuchen Sie mal, mit dem groben Hammer eine Taschenuhr zu reparieren!
Allerdings kann der Biologe sein Labor abschließen und dann Sonntags in die Kirche gehen. Er vollzieht damit einen Perspektivenwechsel. Die Welt ist dann nicht mehr durch die Evolutionstheorie bestimmt, sondern ist Schöpfung Gottes. Unter der Woche, während der Arbeitszeit im Labor ist sein biologisches Paradigma so leistungsfähig, dass es seine biologischen Fragen beantworten kann. Die Frage nach dem, was im Leben und im Sterben hilft, beantwortet sie nicht, will sie auch nicht.
Natürlich haben wir Sehnsucht danach, eine universelle Perspektive einzunehmen, die alles miteinander in einen Zusammenhang bringt und alles widerspruchsfrei erklärt. Der Glaube erhebt diesen Anspruch. Aber auch er ist immer an die Perspektive gebunden. Er hat das Ganze im Blick, darum ist er auch etwas anderes als eine Wissenschaft, aber – und das unterscheidet ihn von einer Ideologie – er schaut eben aus einer ganz bestimmten Richtung auf die Welt. Und dabei ist er selbst in sich selbst auch perspektivisch. Die Männer und Frauen, die den – in sich heterogenen – Kanon der Bibel zusammengestellt haben, wussten darum. Leider ist dieses Wissen immer wieder in Vergessenheit geraten und so ist auch aus dem christlichen Glauben immer wieder eine Ideologie geworden. Die universale Perspektive ist aber bisher nicht gefunden worden, und es wird sie auch in dieser Welt nicht geben – denn wer kann schon aus seiner eigenen Haut heraus?
