Betriebsversammlung mit Senatorin

Die Misere ist eindeutig: wir sind über den Tisch gezogen worden! Blasierte Herren in schicken Anzügen haben die Beschäftigten verraten und eine dicke Stange Geld veruntreut. Sie sind zurückgetreten. Für diese Erwähnung gibt es Applaus, obwohl das schon fast ein Jahr zurückliegt. Der Betriebsrat ist erbost und erwartet von der Senatorin klare statements. Darauf bin auch ich ganz besonders gespannt – kann die das?

Nadelgestreift tritt die Sozialdemokratin das Mikrofon und was sie da bringt, das ist unter aller Kanone. Beschwichtigungen, Abwiegelei, eine gehörige Portion Geschleime, "auch ich habe mich immer wieder davon überzeugen können, daß Sie, meinedamundhärn, gerade hier…", jaja, man kennt das ja "großartige Arbeit", "leisten" – fehlt nur noch "und das für sowenig Kohle!" Zweimal sagt sie "ein Stück weit". Sie sagt uns "ganz klar" – ach Gott, schon die Ankündigung! Ganz klar ist nichts. Es ist höflich und taugt nix. Das kann man nicht gut aushalten. Diesen Stil des viel redens und nichts sagens hält sie fast dreißig Minuten durch. Hut ab, das muss man schon drauf haben. Danach gibt es Applaus. Wofür weiß keiner. Weil in den nächsten Redebeiträgen auch nichts kommt, was im Ansatz klären könnte, ob da jetzt wieder irgendwelche windigen Gestalten das Geschick unseres Arbeitsplatzes lenken sollen, fasse ich den Entschluss, aus der dicken Luft (diverse Deos haben bereits versagt) in die Frische des frühen Abends zu verduften.

Aufgrund zahlreicher Baustellen muss ich mit dem Fahrrad einen gehörigen Umweg nehmen und verfahre mich. In einer Stadt, in der ich seit meiner Geburt an lebe. Ich verstehe die Welt nicht mehr. 

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