Bachmann-Preis 2007: Teil II

Jörg Albrecht will wohl der Espresso nach dem Mittagessen sein. Schon sein Vorstellungsfilm posiert als große Medienkunst, die natürlich immer auch gleichzeitig Medienkritik sein muss. Alles very Berlin.

Er steht beim Lesen, spricht extra-schnell, arbeitet mit externen Bildern und Tönen (wusste gar nicht, dass das in Klagenfurt erlaubt ist). Kurzum: Er bietet Performance statt Vorlesen. Doch so viel Belebung hat sich auch schnell wieder abgenutzt. All die gewollte Avantgarde und ständiges ZweiNull wirken nach wenigen Minuten ermüdend. Ich spüre da zeitgeistmäßig auch eher die 90er Jahre statt Gegenwart.

„Ich bin aus wahrer Coolness heraus mit Absicht uncool! Und wenn ihr mich verreißt, dann seid ihr hoffnungslos von gestern und habt nix verstanden.", schreit es mich unterschwellig an. Mit einem Wochenende in der Stadt hat der Text zu tun, einer Clique und einem Tanzpalast. Musik, Tanz, Medien, blabla. Es gibt ein paar schöne Details, aber mir fehlt (wenigstens der Ansatz einer) Botschaft. Und aller Ich-bin-ja-so-Anders!-Attitüde zum Trotz, kommt auch dieser Beitrag nicht ohne Mondlicht aus und ohne Sternenhimmel und Schweigen und Herz schließlich auch Blut.

Man möchte einfach mal frische Luft empfehlen und analoge Realität. Mir wäre jetzt jedenfalls danach, nachdem ich von dieser Performance erschlagen worden bin. Wie auch der Autor, der anschließend verschwitzt in den bereitstehenden Stuhl sinkt, ein Handtuch um den Hals trägt und die weggeworfenen Blätter von anderen einsammeln lässt. In der Diskussion muss ich Iris Radisch recht geben: zu bemüht zeitgeistig und von seiner Form bestimmt/eingeschränkt. Klaus Nüchtern hat der Text immerhin „wachgequatscht" und Ursula März gratuliert dem Autoren zur „sportlichen Leistung" des Vortrags und entdeckt das Konventionelle an dem Vortrag. Ja, einem Text tut man mit dieser Art von Vortrag keinen großen Gefallen.

Wie erholsam leise (auf eine kluge Art) wirkt dagegen Fridolin Schley, der frei ist von dem Bemühen um den letzten Schrei. Und er bekennt sich zu einer Art „Helden" (Kurt Vonnegut), was seiner Ausstrahlung noch mehr sympathische Naivität und Verletzlichkeit gibt. Hier ist einer, der sich nicht hinter Ironie und Zynismus versteckt.

Seine langen Sätze malen mir Bilder. Vom Strand und von einem Paar im Auflösungsstadium der Beziehung auf einer Reise. In all der Entfremdung findet Sie: „nicht mehr", aber er „noch nicht" und so reisen sie zurück an den Ort glücklicherer Tage, statt sich zu trennen. Am Ende ist er enttäuscht, dass sie nicht tot ist (wie zwischendurch vermutet). Um Zeit scheint es zu gehen. Darum, wie sie die Welt und die Menschen herausfordert, nie stehen bleiben kann und auch nicht zurückzuholen ist. Ich erkenne verschieden Zeitebenen (Hauptebene, Rückblick, heute) und kann einen Sinn darin finden. Das mag klassisch und konventionell sein, hat aber Herzblut. Nur mit dem Titel bin ich unglücklich. Frau Radisch findet den Beitrag aber schablonenhaft und ist von dem „Beziehungsgequatsche" genervt. Ob „fehlende Modernität" (I. Rakusa) tatsächlich ein Defizit ist, möchte ich mal anzweifeln. Mir hat’s gefallen.

Lutz Seiler hat es (laut Porträtfilm) durch das Schreiben aus seinem thüringischen Dorf herausgeschafft. Wie süß! Einer der älteren Teilnehmer und nicht nur deshalb frage ich mich spontan, was er mit jemandem wie Jörg Albrecht redet, wenn sie sich an den Klagenfurt-Abenden (möglicherweise angetrunken) über den Weg laufen. Auch hier das Reisemotiv. Wir fahren mit der Turkestanisch-Sibirischen Eisenbahn. Das ist so gar nicht mein Thema. Reichlich Adjektive und die Stimme des Autors erreicht das Ohr auf Einschlaf-Geschichten-Frequenz. Erst nach und nach gelingt es mir, mich auf das bedächtige Erzähltempo einzulassen. Ein Geigerzähler, Zugpersonal, dann Heine. Das lebt von der Sprache, hat mehrere Ebenen und ist am Ende des Tages vielleicht origineller und reicher als das, was Jörg Albrecht probiert hat. Der Seiler kann was! Sein Text konnte mich schließlich doch noch für sich einnehmen, dann aber richtig. Nehme mir vor, ihn noch mal zu lesen.

Die Jury ist auch ziemlich angetan. „Dicht", sagt Frau Radisch und denkt wie zuvor Herr Corino an Wolfgang Hilbig. Sogar eine „Schwulen-Ästhetik" wird im Text ausgemacht (D. Strigl). Mit ihm als Bachmann-Preisträger könnte ich gut leben und es wäre stilistisch eine interessante Entwicklung gegenüber dem letzten Jahr.

Das Fazit von Frau Wannenmacher und Herrn Oswald: Schmidt, Schley und Seiler haben „die Latte schon ganz schön hoch gelegt". Finde ich auch!

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