Authentizität?

Donnerwetter – hier macht ein Wort aber Karriere: 1,79 Mio. Treffer spuckt Google auf die Suchanfrage hin aus. Und verweist meist auf «absolut authentische» Business-, Werbe- und PR-Seiten: "Authentizität ist für uns eines der wichtigsten Erfolgskriterien. Wir denken, dass es langfristig besser ist, seine Linie zu halten und gerade heraus zu sein, auch wenn man damit nicht "Everybody's Darling" wird."

Dabei meint das Wort doch nur das "Echte" und "Glaubwürdige" – hübsch in ein Fremdwort gewickelt, und damit schöngeistig ausgedrückt für Intellektuelle und solche, die so scheinen möchten. Abgeleitet ist es vom griechischen Wortstamm "authos" für "selbst".

Und so etwas müssen unsere Marketeere auf teuren PR-Seminaren erst mühsam lernen? Komisches Gewerbe … vermutlich aber drückt dieses Wort ja auch nur die große Sehnsucht solcher Menschen aus, ihr «Paradise lost».

Dann gibt's ja auch noch den "authentischen Sprachgebrauch". Der soll da aus dem Loch Ness des Seminarunwesens auftauchen, wo Unternehmen auf einmal «stilvoll» und «mitmenschlich» reden, also gar nicht mehr wie sie selbst. Denn Unternehmen – zumindest also die CEO-Leute aus dem Management, die ich kenne – die klingen üblicherweise anders, dort, wo sie höchstselbst dichten müssen. Sind sie auf sich allein gestellt – tönen sie also «authentisch» – ist der Sound in etwa so: «In einem umfassenden Prozess ist ein Leitbild entwickelt worden. Dabei wurde die gewachsenen Strukturen und Werte aus der mehr als 125 jährige Tradition und die Grundsätze aufbauend Grundsätze zur Weiterentwicklung der Unternehmenskultur beschrieben, die allen Mitarbeitern eine Orientierung gibt.» Danach werde meist ich gerufen, damit ich ein wenig Stil in die überbordende Authentizität bringe und den armen Mann aus den Fallstricken der Grammatik befreie.

Auch im Alltag ist das Authentische nicht unbedingt das Wünschenswerte. Hier zum Beispiel ein durch und durch authentischer Beitrag, inmitten zahlloser anderer: AUFSTEHEN!!! Was ist denn mit euch allen los? Habt ihr zuviel von TH gesehen und seit umgefallen?! Man die Jungs müssen es aber in sich haben wenn ihr alle umfallen tut wenn sie euch nur zu zwinkern…Boor ne….

Alexander Sinowjew, der große russische Sprachlogiker, schreibt: «Bleiben Sie nur ein einziges Mal in einer Zechrunde nüchtern, und Sie werden über die geistige Armut und Geschmacklosigkeit der Gespräche – besser: des Geschreis, Geheuls und Geröchels – verblüfft sein». 

Deshalb vor allem, weil wir uns nämlich schämen müssten, wenn ein unbestechliches Tonband unsere «authentische Kommunikation» festhielte, deshalb sollten wir die Masse des Authentischen in unserem Leben so behandeln wie den surrenden Mückenschwarm an einem feuchtwarmen Regenabend: Möglichst viel davon umbringen …

5 Meinungen

  1. Sorry für den Link, der nicht mehr «funzt», diese Teeny-Brabbel-Seiten scheinen ihre Permalinks rasch ins Nirwana zu schicken. Vermutlich deshalb, weil sie den Wert ihrer Kommunikationssammler richtig einschätzen. Beim Blog des Just-4-Fun Magazins, woher der Link stammt, aber auch bei myspace und ähnlichem finden sich genug weitere Fan-Seiten, wo pubertierende Mädchen über Tokyo Hotel und ähnliche Themen ebenso ekstatisch wie «authentisch» daherstammeln.

  2. Ich habe „authentisch“ in Bezug auf Weblogs so verstanden, daß die Schreiber das schreiben, was sie denken. Kann damit tatsächlich der holperige Duktus eines Teenie-Blogs gemeint sein?

  3. Zu schreiben, was man denkt, das geht in meinen Augen gar nicht. Schließlich denken wir nicht in Worten, sondern in einer Art ‚mentalesisch‘, wenn wir den Gehirnforschern glauben dürfen. Irgendeine Übersetzung findet zwischen Denken und Schreiben immer statt, die angehimmelte Unmittelbarkeit ist eine Chimäre. Da ‚fließt‘ also nichts auf Papier, Schreiben ist Arbeit. Keine Muse flüstert’s uns ins Ohr. Und die besten Erzähler sind die kalkuliertesten. Und simpel klingen gute Texte, weil wir das Weggelassene nicht mehr bemerken. Selbst beim Gebrabbel eines ‚Ditsche‘ ist es ein langer Weg vom Kopf bis zur Äußerung. ‚Unredigiert‘ schreiben, den ersten Entwurf nehmen, das ginge halbwegs – was das aber bitte mit ‚authentisch‘ zu tun haben soll? Das wäre doch nur Pfusch – sonst nichts. Diese Teenie-Schreiberinnen dort, das sind einfach schlechte Erzählerinnen mit einem Zehner-Wortschatz, die verständigen sich wie die Schafe übers ‚Mäh‘ – das ist alles. Einen Gedanken aber so aufzuschreiben, dass er sich mitteilt, das ist viel Handwerk. Dass wir dabei schriftstellerisch den Eindruck von ‚Unmittelbarkeit‘ erzeugen können, das ist wiederum etwas anderes: So etwas erfordert besonders viel stilistisches Wissen. Gerade ein einfacher Satz, der dem Leser ‚zu Herzen‘ geht, der Widerhall findet, der schreibt sich nicht mal eben so. Kurzum: Zu schreiben, wie wir denken, das ist nicht ‚Authentizität‘ – furchtbarer Modebegriff übrigens – sondern eher so etwas wie ‚Autonomie‘, die uns in unserem Blog das selbstherrlich und ohne bremsende Verlegerfigur zu tun gestattet, was WIR wollen. Wir haben einen Verlag, wir können uns selbst verlegen, das heißt aber noch nicht, dass Verlegen ganz einfach sei. Das Interesse für unsere autonomen Gedankenwelten entsteht wiederum, weil wir mit viel schreiberischem Handwerk dafür die richtige Form schaffen, die dann auch gern einen spontanen Eindruck machen darf …

  4. Daß die Gedanken sich nicht wie von Geisterhand in einen Text verwandeln der deswegen aus sich selbst heraus „echt“ wirkt, ist klar wie Kloßbrühe, bester Herr Jarchow. Wenn aus PR-Typen das Wort „Authentizität“ herausblubbert, meinen sie doch eigentlich Glaubwürdigkeit. Das Wort „Glaubwürdig“ ist diesen bekoksten Yuppies vermutlich nicht abgehoben genug.Die Glaubwürdigkeit von Blogs hat bestimmt auch mit dem Schreibstil zu tun. Vor allem kommt sie doch aber daher, daß den Bloggern kein Arbeitgeber vorschreibt, was sie meinen sollen. Genau deshalb können Unternehmen sich mit Blogs ihrer PR-Abteilungen auch nur blamieren.Wenn ich denke (hier und auch in meinem ersten Kommentar synonym mit „meine“ oder „finde“), eine bestimmte Person sei eine Pissnelke, kann ich genau das in mein Blog schreiben. Das meine ich mit schreiben was man denkt.Damit die vielleicht mitlesenden PR-oleten was zum Abschreiben haben: Die Authentizität der Community ist ein Synergieeffekt der fehlenden kommunikationsmarkttypischen Interdependenz zwischen Corporate Identity und Kommunikator.

  5. Ach, diese PR-Typen! Die klauen anderer Leute Wörter und Begrifflichkeit und fühlen sich dann Wunder wie hip und ‚authentisch‘, dabei kneift’s an den Hüften und es zwickt im Schritt. In der Blogosphäre sind die so etwas wie die Mücken in der Natur, unvermeidlich halt, aber irrelevant …

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