A Devil Called Bürgerjournalismus

Bürgerjournalismus sei eine kurzfristige Modeerscheinung, tönt der Herr. Im Übrigen auch noch eine völlig überflüssige und nutzlose. Schließlich gäbe es auch keine Bürgerärzte, Bürgerrechtsanwälte oder Bürgersteuerberater. Wie kommen denn da Menschen auf die Idee, sich einfach ungefragt publizistisch zu bestätigen. Eine Schande sei sowas. Ich muss zugeben, dass mich der Duktus dieses printmedialen Pamphletes schon geärgert hat. Ich habe allerdings bereits mehrfach feststellen müssen, dass die Kritik am Bürgerjournalismus in der Journaille im Grunde eine feste Größe ist. Jeder tut es, wenn auch zumeist mit moderateren Worten als in meinem Beispiel.

Dabei wäre eine gewisse Demut bei den Kritikern durchaus angebracht. Insbesondere, wenn man mal hinter deren vermeintliche Qualifikationen blickt! Was ist überhaupt Bürgerjournalismus im Gegensatz zu Journalismus? Ist der qualitative Unterschied tatsächlich so groß?

Bürgerjournalismus, richtiger Grassroots-Journalismus bezeichnet die Beteiligung der "Bürgerschaft" an der Recherche und Veröffentlichung allgemein interessanter Themen, vornehmlich mit dem Ziel, eine wahre Aussage zu gewährleisten und manipulative Ansätze auszuschalten. Bürgerjournalismus ist daher ein Grundpfeiler jeder Demokratie. Welcher echte Demokrat mag da ein Haar in der Suppe finden?

Hinzu kommt, dass der Begriff des Journalisten, auch des "echten", möglichst bei einer Zeitung oder einem Sender eingestellten Journalisten rechtlich nicht geschützt ist. Jeder kann sich ungestraft Journalist nennen und die Journaille hat es in hundert Jahren nicht fertig gebracht, verbindliche Ausbildungsgänge zu definieren. Üblich ist es heutzutage, ein zweijähriges Volontariat bei einer Redaktion als Ausbildung zu betrachten. Damit ist der professionelle Journalist schlechter ausgebildet als der handelsübliche Tischler mit seinen drei Jahren Ausbildungsdauer oder die Kindergärtnerin, die vor ihrer Ausbildung auch noch Praktika nachweisen muss. Erzähle doch bitte keiner, dass der Journalist aufgrund seiner "Ausbildung" höhere Qualitätsansprüche zu erfüllen vermag als ein talentierter "Bürgerjournalist".

Sicherlich gibt es viele "Publizisten", auch und gerade im Blogumfeld, denen man raten möchte, sich doch besser an der Kaninchenzüchterei oder in Backkursen zu delektieren. Umgekehrt habe ich aber auch schon etliche Male beschissen geschriebene (ich wollte ein anderes Wort verwenden, fand letztlich aber den Begriff "beschissen" als einzig treffenden) Berichte von "professionellen" Journalisten gelesen. Beim hiesigen Lokalblättchen arbeitet beispielsweise seit ewigen Zeiten eine Dame, deren Unfreundlichkeit sprichwörtlich ist, die nie zu irgendwelchen Pressekonferenzen erscheint und einen Höllenalarm veranstaltet, wenn man ihr nicht mundgerechte Texte liefert. Journalistisch tätig ist diese Vertreterin der Profis zuletzt bestenfalls vor zwanzig Jahren gewesen.

Worum geht es also wirklich, wenn der "Journalist" den Bürgerjournalismus verdammt? Es geht um Angst. Angst davor, dass Bürgerjournalisten den Profijournalisten überflüssig machen. Die sinkenden Auflagen der Printmedien scheinen ja bereits in diese Richtung zu weisen. Es ist die gleiche Angst, die die Apotheker zu Klagen gegen Doc Morris treibt. Pfründe wollen gesichert sein. Qualitätssicherung wird als Begründung lediglich vorgeschoben.

Die schlechte Nachricht für die Journaille ist, dass sich der Bürgerjournalismus mehr und mehr als fester Bestandteil der modernen Medienwelt etablieren wird. Da hilft noch so viel Gezetere nicht. Die gute Nachricht ist, dass gute Texte immer ihr Publikum finden werden. Egal, ob von "Profis" oder "Bürgern" verfasst. Die Frage, ob mir einer was für meine Texte in der Zukunft bezahlt, ob meine Zeitung also überleben wird, klärt sich ausschließlich an der Qualität. Der gute Journalismus überlebt, der überflüssige oder gar schlechte Journalismus verschwindet.

Wowi würde hinzufügen: "Und das, liebe Freunde, das ist auch gut so!"

(Foto: www.pixelquelle.de / Fotograf: Verena N.)

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