Er (seinen Namen hat er mir leider nicht verraten) verbringt seine freien Wochenenden wohl ausschließlich damit, mit seiner Lieblingslinie zwischen Ost- und Westberlin zu pendeln und, bewaffnet mit Buch und Stift, jede Missachtung seiner „U-Bahn Ordnung"aufs penibelste einzutragen.
Er, der mir in einer ruhigen Minute mal erzählte, dass er nur am Wochenende Ausgang hat, ist dabei völlig harmlos, auch wenn er seine „ehrenamtliche" Arbeit sehr ernst nimmt und dabei sehr gewissenhaft vorgeht. Ich freu mich immer, wenn ich ihm in der U-Bahn begegne, denn es gibt immer was zu lachen. und das ist dann auch schon das erste Vergehen gegen die ominöse U-Bahn-Ordnung. Er kommt auf mich zu und fordert mich mit „junges Fräulein" auf, doch in seinem Büchlein meinen Namen samt Strafvorwurf einzutragen. Und die Leute machen mit, schreiben vielleicht nicht ihre richtige Namen in das Buch, aber lachen und lassen sich gern auf das Spiel ein. Und das ist ein Phänomen, denn die Berliner ziehen in der U-Bahn sonst eigentlich immer nur saure Gesicher.
An jedem Bahnhof steigt der Sittenpolizist aus, um die nächsten potenziellen „Straftäter" zum Einsteigen zu bewegen.
„Einsteigen bitte!", oder: „Vorsicht an den Türen!"
Also ich finde, er macht seine Sache sehr gut. Lautes Gelächter, Menschen mit Bier in der Hand oder einem Handy am Ohr sind Gründe für ihn, durchzugreifen.
Leider musste ich heute am Alexanderplatz aussteigen und habe es daher nicht mehr geschafft, zu unterschreiben. Ich sagte nur: „Auf Wiedersehen."
Und er: „Ja, so ist es richtig…"