50 Jahre 68er-Bewegung – was ist geblieben?

50 Jahre 68er-Bewegung – was ist geblieben?

Es war der Schlachtruf der Studentenproteste im Jahr 1968: „Unter den Talaren – Muff von 1.000 Jahren!“ – ob in West-Berlin, München oder anderen Städten. Sie lehnten sich auf, gegen fehlende Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit, verkrustete gesellschaftliche Strukturen, prüde Bigotterie und Kriege. Was waren die Auslöser der 68er-Bewegung vor 50 Jahren, was ist heute davon geblieben?

Zu Beginn der 1960er ebbte das Wirtschaftswunder, das viele Spannungen in Deutschland noch übertüncht hatte, wieder ab. Derweil wurde mit Heinrich Lübke ein Mann mit NS-Vergangenheit Bundespräsident, und im Bundestag wurde über eine Verjährung von Nazi-Verbrechen diskutiert. Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß ließ nach einer ihm nicht genehmen Titelgeschichte im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ dessen Chefredakteur Rudolf Augstein kurzerhand verhaften – die „Spiegel-Affäre“ hatte begonnen.

Widerstand regt sich

Inzwischen formierte sich in der Studentenschaft der Widerstand: gegen Professoren mit Nazi-Vergangenheit, überholte Studieninhalte, soziale Ungerechtigkeiten, den Vietnam-Krieg, gegen die von der Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger – ebenfalls ein früheres Mitglied der NSDAP – vorgeschlagenen Notstandsgesetze.

Eine der treibenden Kräfte der Protestbewegung war der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und einer seiner Führer, Rudi Dutschke. Die Organisation war auch in der Außerparlamentarischen Opposition (APO) aktiv, die sich – durch die Große Koalition im Parlament – als einzig wahre Opposition in Deutschland sah. Wie in Frankreich, Italien und den USA wurden auch in Deutschland Protestaktionen wie Sit-Ins und Teach-Ins organisiert und der Hochschulbetrieb gestört.

Ähnliche Ziele wie SDS und APO verfolgten auch die Mitglieder der sogenannten Frankfurter Schule um die Philosophen Theodor Adorno und Herbert Marcuse, wenngleich diese Gruppe wesentlich weniger radikal vorging. Im Gegensatz zum revolutionären Ansatz des SDS streben sie eine friedliche Veränderung an.

Der Tod des Benno Ohnesorg

Am 2. Juni 1967 traf der persische Schah Reza Pahlavi zum Staatsbesuch in Berlin ein – begleitet von Studentenprotesten. Dem Herrscher wurden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, darunter Folter. Bestellte „Jubelperser“ und Agenten des persischen Geheimdienstes SAVAK knüppelten während der Proteste auf Demonstranten und Passanten ein. Im Verlauf der Auseinandersetzungen erschoss ein Berliner Polizist den Studenten Benno Ohnesorg – und von da an änderte sich alles.

Die bis dato eher friedlichen Proteste wurden radikaler. Als dann am 11. April 1968 auch noch aus rechtsradikalen Kreisen ein Anschlag auf Rudi Dutschke verübt wurde, kam es zu einer Revolte an vielen Unis der BRD. Demos und Aktionen zur Störung des Unterrichts waren nun alltäglich. Daneben richtete sich der Protest gegen den Springer-Verlag, dessen BILD-Zeitung zur „Ergreifung der Rädelsführer“ aufgerufen hatte. Am 30. Mai 1968 wurden die Notstandsgesetze verabschiedet, dieser Umstand zog wieder große Demonstrationen nach sich.

Die Bewegung löst sich auf

Aber das Ende der Bewegung war in Sicht. Innerhalb des SDS herrschte Uneinigkeit über das weitere Vorgehen, Intrigen und Machtkämpfe führten zu einer Zersplitterung. Während ein Teil der Mitglieder zur neu gegründeten DKP abwanderte, ging ein anderer in den Untergrund – die Terrorvereinigung RAF hatte so gesehen ihren Ursprung in der 68er-Studentenbewegung. Auch bei den später gegründeten Grünen reüssierten ehemalige Mitglieder der Protestbewegung: Prominentestes Beispiel ist Joschka Fischer, der es in der rot-grünen Koalition von 1998 bis 2005 zum Außenminister brachte.

Was also bleibt von den 68er-Protesten? Nimmt man die revolutionäre Rhetorik einiger Wortführer zum Maßstab, nicht viel. Aber damit tut man der Bewegung Unrecht. Immerhin hatte sie einigen Einfluss auf die politische Gesellschaft der Bundesrepublik; der Philosoph Jochen Habermas schrieb der 68er-Bewegung einmal eine „Fundamentalliberalisierung“ der BRD zu. Die Polizei wurde reformiert, die Rechtsprechung modernisiert. Die deutsche NS-Vergangenheit wurde nicht länger unter den Teppich gekehrt, der Feminismus sorgte für Emanzipationsbestrebungen und an deutschen Universtäten konnten auch Arbeiterkinder studieren. Aber es gab eben auch Gewaltbereitschaft und die RAF. 50 Jahre nach 1968 sagt Gretchen Dutschke, Witwe des 1979 verstorbenen Rudi Dutschke: „Wenn es noch eine Lehre aus 68 gibt, dann ist es die Warnung vor einer Radikalisierung um ihrer selbst willen und der Verabsolutierung einer Moral, die zum Katechismus mutiert.“


Bild: Thinkstock, dv1992029, Photodisc, Digital Vision

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