WM-Fieber: Mutter gibt sich bei 3:1 geschlagen


Vorahnung

Die Freundinnen haben es vorher gewusst. Anders lässt sich
ihr Geburtstagsgeschenk im April – ein Büchlein mit dem Titel „Sprechen
Sie
Fußball?“ – nicht deuten. Für gewöhnlich geht mir Fußball am Ärmel
vorbei, doch
2006, mit einem Mann und zwei Söhnen als Mitbewohner und Deutschland
als Ort
des Geschehens, gibt es kein Entrinnen. Blue Goals auf den Hamburger
Dächern,
schwarz-weiße Balldeko sogar im Apothekenschaufenster,
„Glitschball“-Debatten heute morgen im Frühstücksfernsehen. Schon
irrwitzig wie viele Themen die armen Journalisten diesem Sport abringen.

Mama paukt Fußball-Vokabeln
Die Bundesliga diente bei uns zuhause quasi als Warm-up. Die Herren
bangten mit dem HSV, diskutierten Spielerqualitäten und –frisuren – und lehrten
mich Spielernamen wie Vokabeln. „Mama, Mehdi?“ Ich: „Mahdavikia“. Kind: „Okay.“
Selbst die Körpergröße mancher Spieler (Van Buyten und Keeper „Kirsche“: 1,96
m) musste ich pauken. Zu bekleiden war auch der Job der Trösterin, als der HSV
weder Meister- noch Vizetitel verdiente. Unlängst mussten wieder Tränen
getrocknet werden, weil der heiß geliebte Barbarez nach Leverkusen wechselt. „Ruf Thomas Doll an,
Mama“, verlangt Neil (10). „Der soll Ailton in die Wüste schicken und diese
verdammten 2,6 Millionen Euro auf den Tisch legen!“ Ja, logo, das kläre ich mal
eben…
Jetzt trainieren wir Nationalspieler-Wissen. Klappt dank der
Panini-Sammelbildchen schon ganz ordentlich. Nur die Ronaldinhos, Ronaldos,
Robinhos usw. kriege ich schlicht nicht auf die Reihe.

Für wen sind wir bloß?
Gestern in der Schlange bei H&M trat dann noch einmal
unser größtes Dilemma zutage: Wer drückt für wen die Daumen? Wir also bei
H&M. Ben (6) klebt vor der Cartoon-Glotze. Seine Beteiligung an der Auswahl
seiner Sommergarderobe tendiert gen Null. „Ich gehe jetzt zur Kasse. Da steht
ein Ständer mit Fußballklamotten. Guck doch mal, ob Du da ein schönes Shirt
findest.“  Tatsächlich, er bewegt sich.
Fünf  Leute stehen vor mir in der
Schlange, Ben wühlt sich durch die Ländertrikots, entscheidet sich schließlich
für ein blau-rotes mit dem Aufdruck „France“. Am 9. Juli, wenn das Finale der
WM ausgetragen wird, urlauben wir bereits bei meinen WM-Favoriten in Italien.
„Willst Du nicht lieber das Italien-Hemd?“ Dummer Fehler, die Frage. „Nö.“ Er
schmollt, hängt das Frankreich-Trikot weg und geht zurück zum Fernseher. Der
Mann in der Kassenschlange hinter mir hat unseren Dialog verfolgt und sagt:
„Warum nicht Portugal? Ich glaube, die machen mit Deutschland das Finale unter
sich aus. Wir Türken sind ja leider nicht dabei.“ Interessant, ich dachte,
jeder sähe unbedingt Brasilien im Endspiel. Seine Frau kommt dazu: „Wir haben
in der Quali gegen Schweden Mist gebaut.“ Huh, sie ist fußballkundig und wirkt,
als sei sie eine Freiwillige. Ich aber inzwischen auch.
Mein Mann gönnt Argentinien den Siegerpokal und hat ordentlich Geld
für WM-Karten hingeblättert. Sein größter Wunsch zu Weihnachten war das
Premiere-Abo für alle WM-Spiele. (Erledigt). Nun schmeißen wir zum
Eröffnungsspiel eine Party und laden noch mehr Fußballverrückte in unser Haus
ein. Sich zu wehren ist zwecklos, also Flucht nach vorn und mitfiebern!

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