Warum der Philosoph Bertrand Russell kein Christ wurde

Bertrand Russell ist einer der bekanntesten Philosophen des Zwanzigsten Jahrhunderts. 1955 verfasste er zusammen mit Albert Einstein das Russell-Einstein-Manifest, dass vor den Folgen eines Einsatzes von Nuklearwaffen warnte. Es wurde von zehn weiteren namhaften Wissenschaftlern unterzeichnet und legte den Grundstein für die spätere Pugwash-Konferenz.

Im Jahre 1948 diskutierte er mit Pater F.C. Copleston, S.J. über die Existenz Gottes. Diese Diskussion wurde über das dritte Programm der BBC ausgestrahlt. Später wurde es u.a. in dem Essayband von Russell – Warum ich kein Christ bin – abgedruckt.

Pater Copleston beginnt diese Diskussion zunächst ganz "undialektisch": Er definiert Gott ganz unverhüllt als ein höchstes, persönliches Wesen, dass außerhalb der Welt steht und gleichzeitig ihr Schöpfer ist. Russell erklärt sich mit dieser Definition einverstanden; weniger einverstanden ist er mit der sich anschließenden Erklärung des Paters, der vorgibt, die Existenz Gottes beweisen zu können.

Um die Existenz Gottes auf eine rational überzeugende Weise beweisen zu können, gibt Copleston bezeichnenderweise den von ihm zuvor definierten Gottesbegriff sehr schnell wieder auf. Stattdessen spricht er von Gott als dem "Grund der Welt". Er macht deutlich, dass die Frage nach einem solchen Grund auch unter den verschärften erkenntnistheoretischen Bedingungen der Moderne weiterhin eine sinnvolle Frage sei. Bereits mit dieser Erklärung glaubt Copleston im Besitz eines Argumentes für die Existenz Gottes zu sein. Doch Lord Russells Erwiderung macht deutlich, dass dies keineswegs der Fall ist.

"Nun, gewiss ist die Frage: Existiert der Grund der Welt? eine Frage, die einen Sinn hat. Wenn Sie aber sagen: Ja, Gott ist der Grund der Welt, so verwenden Sie Gott als Eigennamen; dann wird aber "Gott existiert" keine sinnvolle Feststellung sein."

Es ist genau dieser Übergang vom biblischen Gott zu der für uns rational und modern klingenden Aussagefigur – dem Grund der Welt -, den Russell hier kritisiert und aufdeckt, denn es ist keineswegs ausgemacht, dass der letzte Grund der Welt wirklich durch Gott konstituiert wird. Es gibt zeitgenössische Physiker, wie z.B. Edward Witten, die ausdrücklich die Überzeugung vertreten, der letzte Grund der Welt seien schwingenden Fäden. Es ist zweifellos das durchsichtigste und schwächste intellektuelle Mänöver, das Theologen zum Beweis der Existenz Gottes bemühen. Auf den letzten Grund der Welt einfach das theologische Etikett "made by God" zu kleben, hat wenig rationale Überzeugungskraft. Es ist nicht mehr als ein Glaube. 

Das hat, wenn man der Diskussion folgt, offenbar auch Pater Copleston eingesehen. Deswegen wird er diesen Grund inhaltlich spezifizieren – und zwar auf eine Art und Weise, der Philosophen und Physiker zumeist wenig entgegensetzen können. Hierzu bringt er den Begriff der ersten Ursache ins Spiel – und mit einer solcher ersten Ursache meint er, wie  später deutlich wird, eine transzendente Ursache. Diese inhaltiche Spezifikation ist in der Tat eines der rational wirksamsten Argumente, um eine agnostische oder atheistische Position zu schwächen. Sie sollte auch in diesem Fall Lord Russell zu einem Remis nötigen…

Um die Existenz einer solchen ersten, außerhalb der Welt liegenden Ursache zu beweisen, argumentierte Paper Copleston auf folgende Weise: Da alle Dinge in der Welt eine Ursache haben – kein Rauch ohne Feuer -, muss auch die Welt als Ganzes notwendigerweise eine Ursache haben – eine Ursache, die, wenn man die Welt als Ganzes in Betracht zieht, notwendigerweise außerhalb ihrer selbst liegen muss. Diese Argumentationskette ist als kosmologischer Gottesbeweis in die Geschichte des abendländischen Denkens eingegangen. Er gilt zwar als ein sehr schwacher Gottesbeweis, aber in Wahrheit ist er der stärkste. Wir werden noch sehen warum …

Russell pariert diesen Beweis mit einem auf den ersten Blick recht trivial erscheinenden Einwand: Er behauptete nämlich kurzerhand, dass der Begriff der Ursache auf das Ganze überhaupt nicht sinnvoll anwendbar sei, was Pater Copleston sichtlich verstimmte.

COPLESTON: "Ich kann .. nicht verstehen, wie Sie die Berechtigung der Frage bestreiten können, wieso das Ganze … dazu kommt, dazusein. Warum etwas an Stelle von nichts, das ist die Frage. Die Tatsache, dass wir unser Wissen von Kausalität empirisch, aus einzelnen Ursachen, gewinnen, schließt nicht die Möglichkeit aus, zu fragen, was die Ursache der Ursachenreihe ist."

Doch Lord Russell ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

RUSSELL: "Ich kann erläutern, worin, glaube ich, Ihr Trugschluss besteht. Jeder existierende Mensch hat eine Mutter, und Ihr Argument lautet daher, wir mir scheint, daß deshalb die Menschheit eine Mutter haben müsse, aber offenbar hat die Menschheit keine Mutter – das ist ein anderer logischer Bereich."

So bestechend dieses Argument auch ist, mit seiner Hilfe lässt sich keineswegs die Annahme einer ersten Ursache logisch bestreiten, denn es erlaubt lediglich die Schlussfolgerung, dass die Welt als Ganzes auch einfach vorhanden sein könne – und dass die Annahme einer ersten Ursache keineswegs logisch zwingend ist. Lord Russell umschreibt dieses Argument so: Ein Mann könne zwar nach Gold suchen, ohne anzunehmen, dass es überall Gold gibt. Wenn er Gold findet, gut und schön, findet er jedoch keins, hat eben Pech gehabt. Russell will damit sagen, dass man zwar nach einer ersten Ursache suchen kann. Das bedeutet aber nicht, dass es auch eine solche geben muss.

Wie man aus dieser Form der Argumentation leicht ersehen kann, ist damit die Annahme einer ersten Ursache nicht a priori widerlegt. Ob es also eine erste, mithin transzendente Ursache des Universums gibt, wie Pater Copleston behauptet, bleibt folglich unentschieden.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass sich von diesem Punkt an das Gespräch beider Herren nur noch im Kreise dreht. Keiner fühlt sich von den Argumenten des anderen überzeugt – und zu Recht, wie man sagen muss. Zu einem jähen Ende kommt das Gespräch als Pater Copleston Russell fragt: "Aber Ihre allgemeine Ansicht, Lord Russell, lautet doch, daß es ungerechtfertigt ist, die Frage nach der Ursache der Welt auch nur zu stellen?", worauf Lord Russell überraschend einsilbig antwortet: "Ja, das ist meine Ansicht."

Und so endet die Diskussion, die keinem geringeren Ziel galt als dem Beweis der Existenz Gottes, auf eine menschlich sehr typische Weise: Jeder beharrt auf seiner Auffassung.

COPLESTON:"Wenn diese Frage für Sie keinen Sinn hat, ist es natürlich sehr schwierig, darüber zu diskutieren, nicht wahr?"

RUSSELL: "Ja, es ist sehr schwierig; was meinen Sie – wollen wir nun auf ein anderes Thema übergehen?"

Und das taten die beiden Herren dann auch. Diese Diskussion ist exemplarisch: Sie steht für Tausende und Abertausende ähnlicher Diskussion. Wie man dieser Diskussion entnehmen kann, erscheint die Argumentation von theologischer Seite anfänglich nicht sonderlich überzeugend – bis zu dem Augenblick, da Pater Copleston den Begriff der ersten Ursache ins Spiel bringt. Mit diesem Begriff gewinnt die theologische Seite an Boden und kann das Gespräch am Ende sogar in ein philosophisches Remis zwingen. Und das ist bis heute so geblieben. Dieser Begriff der ersten Ursache oder spezifischer: die Annahme eines transzendenten Grundes ist die letzte Bastion der Theologie in einer ikonoklastischen Welt. Und dies deswegen, weil wir bislang einfach nicht ausschließen können, ob es nicht wirklich einen solchen transzendenten Grund der Welt g
ibt.

Ob allerdings dieser transzendente Grund eine von uns ansprechbare Person darstellt, dies steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Bislang wissen wir nicht einmal, ob es einen solchen transzendenten Grund überhaupt gibt. Wie man trotz dieses fehlenden Wissens dennoch einen solchen Grund als ein ansprechbares Du deklarieren kann, das zeigt Trace Three.

2 Meinungen

  1. Vielen Dank für den schönen Beitrag. Ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen. Und denke mir oft: bei allem Streben danach ein besserer Mensch zu werden, gelingt es mir manchmal.

  2. Dieses Argument dreht sich offensichtlich im Kreis:
    Es gibt zwei Möglichkeiten:
    1. Man geht davon aus, dass die Existenz der Welt keine erste Ursache erforderlich macht, in diesem Fall muss nicht weiter nach einem Schöpfergott gesucht werden.
    2. Man geht davon aus, dass eine erste Ursache notwendig ist. (In diesem Fall sollte man überlegen ob es Anzeichen gibt, dass sie göttlicher natur ist oder nicht.)
    Das Argument, das immer wieder zu Gunsten der 2. These genannt wird, ist, dass alles, das wir beobachten können einen Grund benötigt. Dabei wird fast immer vergessen, dass wir absolut nichts beobachten können, dass der Entstehung der Welt gleicht: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen der Entstehung von Energie und deren Auswirkung. Aber nehmen wir einmal an, dieser Unterschied sei nicht relevant, es bedürften also alle Vorgänge – gleich welcher Art – eine Ursache, denn dies ist der Argumentationsweg, den die theologische Seite wählt. Doch erstaunlicherweise wird der Gedanke nie zu Ende gedacht: Gott als Schöpfer der Welt – schön, von mir aus. Allerdings geht diese Vorstellung ja davon aus, dass alles eine Ursache benötigt. Wer (Oder was) also, erschuf Gott? Es ist nicht möglich davon auszugehen, dass Gott außerhalb dieser Kette steht, da das Argument die Annahme voraussetzt, alles benötige eine Ursache. Räumt man nun ein, Gott selbst benötige sie nicht, so zerstört man selbst die These, alles benötige einen Grund.
    Die einzig logische Annahme ist meiner Meinung nach daher Nummer 1.
    Freundliche Grüße, über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!

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