Von der Wellness- zur Sickness-Gesellschaft

family: Verdana“>Die Europäischen Kommission veröffentlichte im Oktober 2005 einen Bericht über unsere psychische Gesundheit. Das Grünbuch zeigt auf, dass jeder vierte Europäer psychisch krank ist. Mehr als 27 Prozent der Erwachsenen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen. Am häufigsten treten Depressionen und Angststörungen auf. Quelle: www.europa.eu

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Vielleicht haben wir ja ein Wahrnehmungsproblem und merken nicht wie gut es uns geht? Ein Blick in die Statistik könnte Klarheit schaffen. Die folgendene Betrachtung gilt den deutschen Befindlichkeitsstörungen:

Im Januar 2006 meldete das Bundesministerium für Gesundheit mit 3,3 Prozent einen historischem Tiefststand des Krankenstandes. Damit sind die krankheitsbedingten Fehlzeiten in der Arbeitnehmerschaft auf das niedrigste Niveau seit Einführung der Lohnfortzahlung im Jahr 1970 gesunken. Differenzierte Zahlen zum Krankenstand stellt das Bundesministeriums für Gesundheit auf seiner Heimseite zur Verfügung: www.bmg.bund.de

Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit von etwa 1 Prozent im Jahr 1970, auf mehr als 12 Prozent im März 2006 gestiegen. Was können uns diese Zahlen sagen, ist Arbeit gesundheitsförderlich? Zumindest die Arbeitnehmer werden offensichtlich proportional zur Abnahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse immer gesünder. Die Zahlen lassen den Schluss zu, dass mit dem weiteren Anstieg der Erwerbslosenquote bald ein Krankenstand von 0 (In Worten: Null) Prozent erreicht werden kann. Offensichtlich steht für die deutsche Arbeitnehmerschaft der alte Menschheitstraum von ewiger Gesundheit kurz vor der Realisierung.

Soviel zu den guten Nachrichten, das Prinzip „survival of the fittest“ tut uns also gut, zumindest den Überlebenden. Unglücklicherweise trägt diese Auswahl nicht zur genetischen Verbesserung unserer Nachkommenschaft bei, denn die durch Überstunden vollständig gesundeten Arbeitnehmer haben keine Zeit zur Produktion und Aufzucht von Nachkommenschaft. Eugenisch (Vorsicht, böses Wort!) ist die derzeitige Entwicklung daher nicht nachhaltig. Ein großer Teil der sogenannten Leistungsträger verzichtet auf Fortpflanzung und überlässt die Arterhaltung den aus dem Wertschöpfungsprozess ausgeschiedenen Kranken und Unbegabten. Unsere Zukunftsperspektiven werden daher nicht nur durch eine quantitative Veränderung der Demografie bestimmt, es findet auch ein qualitativer Wandel statt.

Der Großteil unserer Kinder wird in naher Zukunft unter ökonomisch schlechten Verhältnissen, von kranken erwerbslosen Eltern aufgezogen. Verständlicherweise nimmt bei diesen Aussichten die Zahl der Angststörungen in der Gesamtbevölkerung zu. Die angebotenen Auswege aus der Misere machen nicht gerade Hoffnung auf Besserung und führen zu zusätzlichen reaktiven Depressionen.

So ist es der Fernsehmoderatorin Eva Herman zwar gelungen, in vier Ehen ein Kind zu erzeugen und darüber zwei Bücher zu schreiben („Vom Glück des Stillens“ ; „Mein Kind schläft durch“), aber zu mehr als einem individuellen Lösungsansatz taugt das Modell „Herman“ nicht. Mit dem vielbeachteten Artikel Die Emanzipation – ein Irrtum? gelang es Frau Herman immerhin ein wahrhaft erhellendes Schlaglicht auf den „soziologischen und biologischen Kontext“ zu werfen, vornehmlich auf ihren Eigenen. Unser seeliches Wohlbefinden konnte der Text kaum steigern.

Zur Heilung unserer Gemütskrankheit ist kühneres Denken gefragt, das bietet uns auch prompt Herr Markwort. Unter dem tröstlichen Titel „Homöopathie – Medizin der Zukunft?“ weist uns der wortgewaltige Chefredakteur in einem Leitartikel des Focus einen Weg aus der Krise.

Die Homöopathie ist nach Ansicht ihres Erfinders Samuel Hahnemann, ein Heilverfahren, das bei allen Erkrankungen wirksam ist. Für Homöopathen sind die Ursachen von Erkrankungen gänzlich andere als in der wissenschaftlichen Medizin: Keine Erreger, Stoffwechselprobleme oder genetischen Dispositionen, sondern Verstimmungen der „geistartigen Lebenskraft“ bewirken Krankheit. Immerhin scheint diese zweihundertjährige Innovation doch ein wenig erfolgversprechender als Frau Hermans Rezept, um so feinstoffliche Phänomene wie Angst und Depression zu bekämpfen. Ein paar Globuli mit hochpotenzierten Essenzen und schon erstrahlt der Ereignishorizont in freundlichem Licht.

Wen die Wunderkraft der Homöopathie nicht überzeugt, dem bleibt noch eine letzte Hoffnung, wir könnten ja Weltmeister werden. Nicht im Jammern, nicht im Exportieren, nein im Fußballspielen. Mit dem WM-Titel würde alles gut, dann wären wir Kanzlerin, Papst und Kaiser Franz in Personalunion.

Doch wer oder was hilft dem psychisch kranken Resteuropa? Ist uns doch egal oder? Soviel zur Globalisierung…

Die Chefarztfrau

4 Meinungen

  1. Gott sei Dank wirken bei den aus dem Wertschöpfungsprozess ausgeschiedenen Kranken und Unbegabten so tolle Errungenschaften wie Soaps und Talkshows am TV und Internet (beides oft subventioniert) als natürliche Empfängnisverhüter.

  2. Wem Riccione zu weltläufig ist, dem bleiben als Rückzugsgebiet ja noch Palma de Mallorca und einzelne Strandabschnitte in Lloret de Mar.

  3. Ich frage mich, warum die nicht in Dubai an den Strand gehen. Da ist das Wetter nicht schlechter und wenn´s um die Pizza geht, sollen sie sich halt nen Pizzabäcker kaufen…

  4. Hallo medicus.Nun ja. Ich dachte, ich berichte unter dem Mantel der Gesundheitsvorsorge darüber. Natürlich würde er auch in andere Blogs passen. Allerdings trifft das auf viele andere Beiträge auch zu. Zum Beispiel auf diesen

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