Unterschicht

Laut einer bislang noch nicht veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung befinden sich acht Prozent der Deutschen in einer prekären Lebenslage. Die Politik und die Medien haben die neue „Unterschicht" entdeckt. Dabei hätte es gar keiner Studie bedurft. Ein halber Tag in einem Job-Center oder einer deutschen Hauptschule hätte genügt.

Leben wir wieder in einer Klassengesellschaft? Natürlich nicht, wir leben nicht in England, wo das Klassendenken den Alltag beherrscht. Und der Unterschied zwischen „Schicht" und „Klasse" zeigt dies ebenfalls. Die soziologische Begrifflichkeit hilft der differenzierten Wahrnehmung des Phänomens.

Gleichwohl ergehen sich Politiker und Gelehrte in einem Streit um Worte. Darf man "Unterschicht" sagen oder nicht. Das Unbehagen dürfte darauf zurückzuführen sein, dass "Unterschichte" etwas statisches und endgültiges hat. Abgestiegen ist abgestiegen – und das hört die deutsche politisch korrekte Mittelklasse nicht gern.

Aber der Begriff „Unterschicht" hat noch eine andere Wirkung. Er stigmatisiert Menschen. Grundschullehrerinnen glauben ja, schon aufgrund von Vornamen etwas über die intellektuelle Leistungsfähigkeit eines Kindes aussagen zu können. Kevin auf die Hauptschule, Justus aufs Gymnasium. Jetzt hat Kevin einen neuen Familiennamen: Unterschicht.

"Unterschicht" rückt eine Gruppe von Menschen, die auf Transferleistungen des Staates angewiesen sind, an den sozialen Rand unserer Gesellschaft. Er erweckt den Eindruck, daran lasse sich nichts ändern. Er lenkt von der Aufgabe ab, gerade Menschen in prekären Lebenssituationen den Zugang zu Arbeits- und Lebensmöglichkeiten zu eröffnen. Das verfehlt die Aufgabe, um die es geht. Und es wirkt diskriminierend.

Es scheint mir so, als kümmere sich die Gesellschaft nicht wirklich um die Menschen, denen sie das Prädikat Unterschicht anheftet. Hartz IV ist eine Rutschbahn ins Bodenlose. Ich weiß, wovon ich rede! Wer in so einem Job-Center sitzt, dem wird in den langen Gängen, ausgestattet mit Alarmanlagen, die letzte Lebensenergie abgezogen. Einmal Unterschicht – immer Unterschicht! Das ist die Botschaft der Job-Center und der Post, die diese Organisationen verschicken! Ohne eine stabile Umgebung kommt man da nicht wieder heraus – und wer lebt in der "Unterschicht" schon in stabilen Verhältnissen.

Das Schlimme an der "Unterschicht" ist indessen nicht so sehr, dass die Menschen dort in der Gesellschaft nicht mehr richtig "funktionieren", gewalttätig werden und ihre Kinder vernachlässigen. Das sind nur die Symptome bzw. die Indikatoren dafür, dass in unserer Gesellschaft Menschen am untersten Ende der Skala leben, ohne eine Chance zu sehen, jemals wieder von dort weg zu kommen. Das Schlimme ist die Verzweiflung und die Lethargie, die dort herrschen, bei jedem einzelnen "Unterschichtler". Das traurige sind die vergeigten Biographien der Menschen, die in der so genannten Unterschicht festsitzen.

7 Meinungen

  1. Unterschicht ist noch Untertrieben….es gibt noch eine .Unter-Unter-Unterschicht…..die Ossis…..die kommen noch nach den Türken und Polen…..Schichten und Klassen gab es schon immer auf der Erde….und wird es hoffentlich immer geben…

  2. Unsere schöne neue Klassengesellschaft, gerade erst vom Genossen Beck ausgerufen, hat ein Problem – ein Definitionsproblem.Nicht nur nach ökonomischer Kompetenz oder Bildungsniveau lässt sich die Menschheit kategorisieren, auch „wertkonservative“ Begriffe wie Loyalität, Wahrhaftigkeit oder gar Solidarität taugen zur Klassifizierung. Unangenehmerweise sind solche abstrakten Begriffe sehr ätherischer Natur. Nicht nur gilt es als äußerst unfein, sich selbst zu einer moralischen Elite zu deklarieren, sondern man/frau befindet sich auch in ständiger Gefahr das sensible Prädikat durch Fehlverhalten wieder zu verlieren. Da jeder gerne zu den „Guten“ gehören möchte, erfand beispielsweise der Schweizer Reformator Zwingli eine raffinierte Methode (korrigieren Sie mich bitte Herr Conrads, wenn ich hier irre.), um das angestrebte Gutmenschentum nicht mit der Prosperität seiner Gemeinde kollidieren zu lassen. Die Lösung des Dilemmas war einfach und ist es bis heute. Damals wurde konstatiert, dass Wohlstand ein Zeichen göttlicher Gnade sein muss, also verdienter Lohn für gottgefällige Lebensführung. Per Definition musste also ein reicher Mensch auch ein guter Mensch sein. Wäre also Sankt Martin so ein „Reformierter“ gewesen, hätte er seinen Mantel komplett behalten müssen und den frierenden Bettler seiner verdienten Buße überlassen.Ganz ähnlich wird auch heute argumentiert. Unsere Vulgäreliten sind ausschließlich durch ihre hervorragenden Charaktereigenschaften zunächst zu Bildung und mit deren Hilfe dann zum ökonomischen Erfolg gelangt.Wäre es im Glaubensblog nicht angemessen, zur Abwechslung mal von moralischer Qualität als Kriterium von Gesellschaftsschichtung zu schreiben?GrüßeCAF

  3. @ CAF…Abwechslung mal von moralischer Qualität als Kriterium von Gesellschaftsschichtung zu schreiben?…wäre es….nur ohne Moral hat das keinen Sinn

  4. Gustl Josefshammer

    I versteh den Beitrog net

  5. Danke für die schöne Märchenstunde.Wir haben einen schönes Beispiel für den Nachweis einer Sozialwissenschaftlichen Existenzberechtigung des Sozialarbeiters gelesen.Um uns jetzt der Realität zuzuwenden, lesen wir mal ein bißchen im STERN.Hier:http://www.stern.de/politik/deutschland/index.html?id=533666&nv=smlUnd dann hören wir mal auf mit der Sozialromantik und wenden uns dem Leben zu, ja? Also jetzt alle: „Alle müssen sich ein bißchen mehr anstrengen!“

  6. Die Unterschicht so ein schreckliches wort..das hört sich an also ob die leute eigentlich überhaupt nichts zu melden haben…. das denken die politika ja auch alle

  7. ‚Geh in Hartz IV und der Tag gehört Dir‘. Diese Art von Dummspruch müssen sich leider viele arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger immer wieder anhören. Leider wird die Schere zwischen arm und reich immer größer, der Teufel (pardon für denVulgärausdruck) scheißt ja doch immer auf den größten Haufen!
    Es werden ja auch keine Arbeitsplätze,sondern Menschen wegrationalisiert und durch Maschinen ersetzt – Gesundschrumpfen oder auch LeanManagement nennt sich das im Fachjargon.
    Rationalisiert die Menschheit sich letzendlich selber weg?

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