Sprachlicher Stinktorf

In Norddeutschland hieß dieser ‚Darg‘ auch ‚Stinktorf‘: Unter dem Marschenboden war eine abgestorbene Reetschicht unter Luftabschluss über die Jahrzehnte herangereift; wurde sie nach oben gepflügt, roch es nach altem Aas, als Brennstoff waren die gepressten Pflanzen– und Schlickreste so gut wie nicht zu gebrauchen. Hermann Allmers schrieb in seinem ‚Marschenbuch‘: „Getrocknet hat der Darg die größte Ähnlichkeit mit leichtem Torf, brennt auch wie dieser, entwickelt aber beim Brennen einen so unangenehmen schwefligen Geruch, dass man ihn nie zur Feuerung benutzt und selbst die ärmsten Leute ihn verachten". Das größte Problem aber, das der Darg in den Marschen verursachte: Er machte das Trinkwasser ungenießbar. Dank ihm war mitten in der wasserreichen Marsch die Wasserversorgung stets ein riesiges Problem.

Lebten wir heute noch in bäuerlichen Zusammenhängen, dann hätte die oben genannte Firma Darg wohl kaum mit diesem duftenden Namen auf dem Markt firmieren wollen. „Darg" aber ist heute ein vergessenes Wort – der Aufbau des Marschenbodens ist für uns Hekuba. In diesem Fall dürfen wir getrost von einem ‚Segen der Unverständlichkeit‘ sprechen.

Denn hier ist ein Wort auf ‚natürliche Weise‘ unverständlich geworden, durch die gesellschaftliche Entwicklung. Wer weiß schon noch genau, was ein ‚Krummet‘ ist, oder ein ‚Legationsrat‘? Wörter haben ein Eigenleben, das durchaus enden kann, wenn Wörter nämlich ihre Bedeutung verlieren für das Zusammenleben der Menschen.

Manchmal aber wird Unverständlichkeit auch bewusst erzeugt – bspw. im ‚Wirtschaftsdeutschen‘, das zumeist ein mehr oder minder souverän beherrschtes Pidgin-Englisch ist. Wenn man dort einem Wettbewerber etwas ‚nachmacht‘, dann sprechen die Verantwortlichen nicht etwa vom ‚Nachmachen‘, noch nicht einmal von einem ‚Me-too-Verhalten‘, die Rede ist dann vom ‚Benchmarking‚, ein Verfahren, mit dem die Firma Xerox in den 70er Jahren saniert wurde. Das Wort klingt ebenso unumgänglich wie unverständlich – und wer sich nicht mit der Materie befasst hat, der steht innerlich stramm und sieht nicht die Entlassungen, die aus solchem ‚Benchmarking‘ folgen werden, ja, oft genug einzig und allein das Ziel dieser Maßnahme sind.

Hier haben wir es also mit einer ‚strategischen Unverständlichkeit‘ zu tun. Unsere Wirtschaftsführer reden ihr Pidgin eben nicht nur deshalb, weil es so schön modisch klingt und sie damit ihre Zugehörigkeit zur Klasse der ‚Masters of the Universe‘ signalisieren, sie setzen diesen Sprachgebrauch ganz bewusst auch zur Tarnung ihrer Ziele ein. Übrigens ein ehrwürdiges Verfahren: «Daher sie’s ‚Emolumente‘ nannten, / damit nicht leicht ersichtlich sei, / wo irgendein Profit dabei» (Mandeville: Die Bienenfabel).

Ein Phänomen, das wir nicht nur in den Wirtschafts- und Finanzwelt, sondern an allen ‚Expertensprachen‘ beobachten können: Natürlich sind bestimmte Fachbegriffe notwendig, die Physik wird ohne ‚Volt‘ und ‚Massewirkungsgesetz‘ kaum auskommen können. Immer aber spielen auch menschliche Eitelkeiten und Nebelwerfwettbewerbe in diesen ‚distinguierenden Sprachgebrauch‘ hinein: «Das Schreiben von Weblogs lässt sich mit Michel Foucault als eine ambivalente Selbstpraktik betrachten, die sowohl Momente der Subjektivierung als auch der Entsubjektivierung enthält. Der Vortrag versucht sich dieser Ambivalenz mit Hilfe der Foucaultschen Konzepte von "Diskurs", "Macht" und "Selbst" aus einer bildungstheoretischen Perspektive zu nähern». Sprachlicher Stinktorf halt …

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