Pharmamarketing: Wir sind doch kein Caritasverein

(Foto: PixelQuelle.de/Harry Hautumm)

Unabhängige Informationen erhoffen sich die Patienten von den Selbsthilfeorganisationen, die nun besonders im Internet schnell zu finden sind. Eine dort  platzierte PR erreicht ihre Zielgruppe ohne Streuverluste und hat zudem den Anschein unabhängiger Information. Über ihre wissenschaftlichen Beiräte sind Organisationen wie die DMSG  sogar maßgeblich an der Entwicklung von Behandlungs- richtlinien beteiligt. Heute berichtet das deutsche Ärzteblatt über eine Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen: [Einfluss der Pharmaindustrie auf die Selbsthilfe groß]

Prof. Dr. Gerd Glaeske und Dr. Kirsten Schubert untersuchten im Auftrag der Selbsthilfe-Fördergemeinschaft der Ersatzkassen, den Einfluss der Arzneimittelhersteller auf die selbstorganisierte Patienteninformation. Ihr Bericht dokumentiert die Einflussnahme des pharmazeutisch-industriellen Komplexes auf der Basis von Medien- und Dokumentenanalyse, Interviews und teilnehmender Beobachtung an ausgewählten Krankheitsbildern. (Alzheimer Demenz, Neurodermitis, Osteoporose, Parkinsonsche Erkrankung, Psoriasis und Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom/ADHS)

Die Analyse kommt zu erschrckenden Ergebnissen. Neben Produkt-Placement und konventioneller Präsentation gelingt es den „Werbetreibenden" direkt über gesponserte/gekaufte Wissenschaftler Einfluss auf Therapieempfehlungen zu nehmen. Solche pharmageschmierte Wissenschaftler sind sogar in den medizinischen Fachgesellschaften, wo sie Behandlungsleitlinien erstellen. Sie geben dort Arzneimittelempfehlungen ab, die als „State of the Art" gelten und schließlich die Qualitätsstandards in der integrierten Versorgung chronisch Kranker bestimmen. Ein direkterer Einfluss auf das Versorgungsgeschehen ist kaum denkbar.

Ein Pharmamarketing-Experte äußerte sich im Interview mit den Bremer Forschern freimütig dahingehend, dass „sie doch kein Caritasverein seien; wenn die Wissenschaftler Gelder bezögen, müssten sie auch entsprechende Inhalte vertreten".

Link zum vollständigen Bericht von Prof. Dr. Gerd Glaeske und Dr. Kirsten Schubert als PDF-Dokument: [Ein Werkstattbericht zur Entwicklung und Förderung des internen Diskurses zwischen Krankenkassen und Selbsthilfegruppen]

Ich finde die Vorstellung, dass angesehene Fachmediziner ihr angeblich wissenschaftliches Urteil nicht im Sinne des Patientenwohls, sondern aus wirtschaftlichen Interessen abgeben – freundlich ausgedrückt – kriminell.

Die Chefarztfrau

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.