Netzneutralität – Verändert sich das Internet?

Die in den USA sehr emotional geführte Diskussion über die Netzneutralität schwappt langsam auch nach Europa. In einer Art Propagandavideo der Netzbetreiber wird selbst vor der sozialistischen Neidkeule nicht halt gemacht: Während Sie, lieber Internet-Nutzer brav Gebühren bezahlen, zahlen Google, Yahoo und Microsoft nichts für die Nutzung der Infrastruktur, kassieren nur und werden auf Ihre Kosten reich. Die Netzbetreiber übernehmen da gerne die Rolle des Robin Hood, eilen zu Hilfe und schaffen das ab. Mal sehen, ob die Netzbetreiber den zweiten Teil der Geschichte von Robin Hood auch verstanden haben und das zusätzlich eingenomme Geld unter den Nutzern verteilen.


Die Argumentation, dass es im Bereich der Backbone eine starke Konkurrenz gibt, die dieses Szenario schon verhindern wird – sprich: verlangt beispielsweise die Telekom Gebühren, dann findet sich ein alternativer Anbieter, der keine verlangt und deshalb die Kunden anzieht – stimmt nicht.


Im Bereich der Backbones wird es weiter ein Angebotsoligopol geben, das sich in Zukunft wohl noch stärker konzentrieren wird. Insbesondere, wenn sich erstens durch die abgeschaffte Netzneutralität die Einnahmechancen erhöhen und dadurch zweitens die Kriegskassen der Grossen noch weiter gefüllt werden.


Sieht man von vereinzelten lokalen Providern ab (z.B. Mnet, Broadnet oder NetCologne), dann bleibt nicht viel übrig, das ein halbweg flächendeckendes Netz hat: An erster Stelle die Telekom. Dann noch eine überschaubare Anzahl alternative Anbieter mit eigenem Backbone wie Hansenet/Alice, Arcor, Telefonica/O2, Freenet, QSC  und im professionellen Bereich noch Verizon/MCI. Die meisten der unüberschaubar vielen DSL-Anbieter bauen auf den Backbones einer handvoll Anbieter auf (mit deutlichem Schwerpunkt auf der Telekom) und sind damit abhängig von deren Durchleitungskonditionen. Wie das Verbot von Abstimmungen in Oligopolen (nicht) funktioniert, kann man im Energiemarkt beobachten. Die Konzentration am Backbone-Markt wird stattfinden. Und anstatt an dieser Schnittstelle zwischen Backbone und DSL-Anbieter regulierend einzugreifen ist es effizienter, gleich für eine Neutralität des Netzes zu sorgen.


Abgesehen davon: Wie will man sinnvolle Grenzen ziehen? Mögen kostenlose und garantierte 2 MBit Downstream heute als Minimalanforderung genügen und Eingang in ein entsprechendes Regularium finden, aber wie siehts in fünf Jahren aus?


Ein Bürokratiemonster würde durch die Abschaffung der Netzneutralität entstehen. Auch wenn die Netzbetreiber in obigem Video behaupten, dass nicht sie, sondern viel mehr die Netzneutralität enorme Bürokratie verursachen würden. They are wrong. Alleine die notwendige Installation einer der GEZ oder Gema vergleichbaren Institution zum Einsammeln der Gelder wäre ein Monstrum. Oder soll jeder Content-Anbieter (ab welcher Grösse eigentlich?) einen Vertrag mit jedem Telco-Unternehmen abschliessen?


Um das Thema aus dem Blickwinkel der Nutzer noch plastischer zu machen: Über die Nachteile von fehlenden breitbandigen Internetzugängen muß man sich nur mit jemandem unterhalten, der in einem DSL-freien Gebiet wohnt. Dabei sind nicht nur die geschäftlichen Einschränkungen relevant. Gerade die Privatnutzer werden abgekoppelt von aktuellen Entwicklungen. Und – nicht zuletzt – das Internet spielt auch für die Ausbildung eine immer wichtigere Rolle. Diese Einschränkungen in der Nutzung sind genauso wie die den Nutzern entstehenden Kostenbelastungen durch langsame Zugänge enorm.


Und werden die Netzbetreiber aufhören, neue Innovationen zu entwickeln wenn die Netzneutralität gewahrt und ihre Einnahmen nicht erhöht werden? Wohl kaum. Denn nur durch neue Innovationen kann neues Geschäft jenseits des ruinösen Preiskampfes gemacht werden. Nicht umsonst versucht die Telekom mit allen Mitteln VDSL zu regulieren.


Bliebe, die Frage andersherum zu stellen. Geht das Internet unter wenn die Netzneutralität nicht gewahrt bleibt?


Wohl nicht, aber eine Mehrklassengesellschaft würde entstehen (Stichwort „Digitale Kluft“). Nun hört man des öfteren das Gegenargument, dass die Entwicklungschancen eines Menschen weniger von technischen Gegebenheiten (dem freien Anschluss an alle Möglichkeiten des Internet) abhängt, als viel mehr von seinen Fähigkeiten, mit diesen neuen Möglichkeiten umzugehen. Ein sehr richtiges Argument, allerdings in diesem Kontext fast schon zynisch. Denn um den Umgang zu lernen, muß der Zugang zu den Möglichkeiten ohne Einschränkungen gegeben sein. Und weiter gedacht: Dieses Lernen findet im Kindesalter statt. Hier müssen alle Möglichkeiten vorhanden sein und nicht aufgrund von Wohnort oder sozialem Status abhängig.


Weiterhin: Das Ende vieler kostenloser Dienste wäre besiegelt wenn die Betreiber einen Obulus an die Netzbetreiber zahlen müssen. Oder diese schlüpfen unter das Dach einer der großen Netzcompanies. Was dann wiederum zu einer Zentralisierung der Angebote im Internet inklusive der Daten führt. So betrachtet ist das Ende der Netzneutralität ein Schritt in die Richtung von Googlezon und AmazonBay.


Wollen wir das?


Lesen Sie weiter:
Netzneutralität: Holzauge sei wachsam, von Ben Schwan bei Technoloy Review
Neutraliy of the net, von Sir Tim Berners-Lee  (mit interessanten Kommentaren)
Kostenpflichtige Serviceklassen für das Internet, im work.innovation Blog
Internet als Basis für Innovation, im work.innovation Blog

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