Nehmen Sie abstrakt – dat hebt Ihnen!

Diejenigen Leute, die gegen das «Denglish» wettern, wie kürzlich erst wieder der «Spiegel», die treffen nicht den Punkt: Denn es gibt auch ein «Denglish», das ganz ohne englische Wörter auskommt. Allerdings wächst es auf den gleichen Wurzeln: Dem Wunsch nämlich, bewusst pretiös, unverständlich, wissenschaftlich, seriös und/oder abgehoben zu wirken. Die Rede ist hier von den «Abstrakta», denjenigen Wörtern, die aus dem Wissenschaftsbereich in die Alltagssprache übergeschwappt sind.

Damit meine ich noch nicht einmal Gipfelleistungen sprachlicher «Spezialisierung» wie «Idiosynkrasie» oder «Heuristik»: Ich rede von Dutzendwörtern wie «Kompetenz», «Qualität», «System», «Struktur», «Logik» oder «Kommunikation». Sie müssen dabei noch nicht einmal lateinische Wurzeln haben, es gibt auch die «Freisetzung», die «Marktbereinigung» oder das «Angestelltenverhältnis». Alle diese Wörter ‚versauen' unsere Sprache, indem sie ihr Verständlichkeit nehmen und Nullsätze wie Löwenzahn am Feldesrand sprießen lassen: „Die kommunikative Kompetenz unseres Services ist der Garant für die Qualität dieses Dienstleistungssystems". Die massenhafte «Freisetzung» solchen «Sprachgebrauchs» könnte wohl nur eine «tiefgreifende Restrukturierung» einem «Klärungsprozess» zuführen. 

Woran erinnert uns das? Genau – es ist die sinnfreie Sprache der Werbung, des Marketings, der Presseerklärungen und Public Relations. Hier haben wir das weit geöffnete Einfallstor – besser: Einfallslos-Tor – für den allgegenwärtigen «kommunikativen» Müll und nervtötenden Unsinn zu suchen. Denn diese Wörter sind mitnichten «kommunikativ», sie sind einfach nur «bildfrei»: Während wir uns unter bildtragenden Worten wie «Gespräch», «Aussprache» oder auch «Brief» noch etwas vorstellen können, hebt ein Allwetterjäger wie «Kommunikation» stets so weit ins abstrakte Blau des Ungefähren ab, dass wir uns nichts Gegenständliches mehr dabei denken können. So soll es ja auch sein – das macht diese bildferne Sprache in der Politik, in Agenturen und Unternehmensführungen so beliebt.

In den Blogs aber, dort also, wo wir freiwillige Leser finden wollen, müssen wir uns vor diesem Sprachgebrauch hüten wie der Werber vor der Wahrheit. Die Leitwölfe unter den Bloggern tun dies ja auch – und es hat immer auch sprachliche Gründe, dass die Blogger sich mit den «PR-Fuzzies» besonders erbittert bekriegen: Einige Beispiele hier.    

5 Meinungen

  1. Da gebe ich Ihnen völlig Recht, Herr Jarchow. Es hat sich die Unsitte der Aneinanderreihung sinnloser Worte gebildet. Solcherart entspringt aber nicht einem seriösen PR-Menschen. Der hat sein Handwerk nämlich so gelernt: Willst du eine Botschaft rüberbringen, musst du sie klar, sachlich und leicht verständlich rüber bringen. Dein hauptsächliches Instrument ist die präzise Sprache.Nur «PR-Fuzzis», die eigentlich aus dem Marketingbereich kommen, werfen mit leeren Floskeln und unverständlichem Terminologiegewäsch um sich. Weil sie es eben so gelernt haben. Denn Marketing ist nichts als leere Luft. Da gibt’s drum auch nichts Gescheites zu sagen.

  2. Dieser „seriöse PR-Mensch“ hieß früher mal Öffentlichkeitsarbeiter oder Pressesprecher. Diese Berufe stehen inzwischen auf der roten Liste … 😉

  3. „Das Unternehmen [Weidmüller] entwickelt, produziert und vertreibt kundenorientierte Lösungen, die das gesamte Weidmüller-Produktportfolio umfassen.“Gerade drüber gestolpert im Weidmüller-Unternehmensprofil.

  4. Tscha – einer plappert solche Worthülsen dem anderen nach: Dass dieses Unternehmen die «kundenorientierten Lösungen» VERTREIBT, ist natürlich ein überaus ironisches Wortspiel. Es spricht für meinen magischen Kinderglauben, dass die Sprache selbst sich gegen ihre Nullwerdung in den angeblichen «Kommunikationsberufen» wehrt.

  5. Bei allem Gewetter gegen die Presseverantwortlichen und Öffentlichkeitsarbeiter darf eines nicht vergessen werden: Sie sind meist den sprachlichen Vorzügen ihrer Geschäftsführer unterworfen. Während diese, meist Wirtschaftsstudierte, wenig von Sprache verstehen, müssen die, die sich darin auskennen, hierarchisch schlicht jene selbstverliebte Verkaufssprache übernehmen. Denn leider will jeder CEO über Kompetenz, Qualität und Service verfügen – konkrete Inhalte sind meist Mangelware.

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