Monsun in Deutschland Teil II

Schon auf der Hinfahrt ist uns klar: "Das wird nichts mit wandern!" Aber wir sind standhafte Frauen und geben nicht so schnell auf. Wir finden ohne große Mühen die Unterkunft in Bad Sachsa, eine Art "Schlösschen" – von der "Arbeiterwohlfahrt". Staunen, "die AWO?" – die Rezeption sieht tatsächlich ein bißchen aus wie Kreiskranken -oder Gemeindehaus. Es baumelt eine Hexe in der Größe eines dreijährigen Kindes von der Decke. Der Weg durch das marmorne Treppenhaus (Typ "Treppenwoche") führt in eine völlig andere Welt: mit dunklem Holz vertäfelte Wände, Sitzgruppen mit alten Sesseln, in die man ganz lange fällt und ohne fremde Hilfe nicht mehr hinausfindet, eine Mischung also aus Herrenhaus und Spukschloss, herrlich! Nebenan ein geradezu luftiger Frühstücksraum. Unser Zimmer ist hell. Die Betten sind sittsam durch einen monströsen Schrank voneinander getrennt und auf jedem Bett ein großes Kissen mit Kniff in der Mitte. Schlechte Drucke mit Mittelmeerimpressionen runden das Bild ab. Was nun tun mit dem angefangenen Tag?

Wir fahren durch die Harzer Nebellandschaft, durch strömenden Regen, durch komplett mit Schiefer vertäfelte Dörfer, auch Klinker in großer Anzahl. Beige gekleidete Omas wehen an uns vorbei. Die Bewohner der Dörfer haben das grau in grau ihrer Schieferklinkerfiesheiten mit Dekorationswahn kompensiert: orange changierende Gardinen zeugen von weltläufigem Geschmack, der heulende Pierrot – im Halbmond sitzend – ist auch dabei, jede Menge Hexen, "windowcolors"-Gestaltungselemente in Form von Gänsen, Hexen, Glöckchen und Mätzchen lockern das Dorfbild auf. Sich nach oben verjüngende Grasbüschel stehen in Dreiergruppen auf Dorfwiesen, mit einem Topf obenauf, aus dem "Haare" (Gras) wachsen. Überall Werbung für den regionalen Magenbitter. Imbiss-Stuben, auf deren Tafeln "Rosi und Manni" ihre Gäste grüßen. Überall gibt es Schnitzel und Hexen. Selbst ein italienisches Restaurant sieht deutsch aus. Sicher gibt es dort eine "Pizza Cattiva" ("Hexe"), als Pendant zu "Pasta Diavolo".

Wir stehen ratlos an der Okertalsperre und gehen ein Stück Richtung Wald, da fängt es wieder an zu gießen. Meine Freundin will nicht mehr laufen. Ich muss aber mal an die Luft und schlage vor, nach Torfhaus zu laufen. Das befindet sich ca. 7,6 km entfernt vom "Sie befinden sich hier"-Punkt. Sie solle dort im Café auf mich warten. Das findet sie gut. Ich gehe weiter bis zur ersten Abzweigung. Geradeaus droht sofort Lebensgefahr: hunderte Quadratmeter Holzstämme werden additiv zum Regen mit kleinen Sprengern gewässert, da darf man nicht durch. Ach, das wäre mir auch viel zu nass gewesen, denn es hört ja auch gerade auf zu regnen. Die andere Richtung führt ausschließlich Richtung Altenau. Da will ich nicht hin. Es gibt aber ja nur die eine Richtung und ich steige tapfer bergauf. Nebelschwaden umhüllen mich, es duftet nach Waldboden und Holz, Vögel singen. Nur dezent schnaufend wandere ich an der nächsten Beschilderung vorbei. Rätselhaft: offenbar ist Torfhaus aus, heute nur Altenau. Ich finde mich damit ab, ich kann per Handy meine Freundin bitten, mich in Altenau abzuholen. Sehr bequem ist das Leben mit der Technologie. Ich komme jedoch nie in Altenau an.

Der Weg endet abrupt an einer klitzekleinen Lichtung auf einer Anhöhe. Rechts ein herrenloser Bagger. Wo der überall herumgedüste, kann ich an den vorgegaukelten "Wegen" sehen. Zuerst probiere ich es links entlang und verschwinde mit den Stiefeln und einem kapitalen Furz knöcheltief im Modder. So wird das Gehen zur Herausforderung! Nach hundert Metern kommt die Einsicht, daß das keine gute Idee ist, hier weiter zu gehen. Also den ganzen Matsch bergauf zurück. Geradeaus sieht es noch schlimmer aus, das lasse ich gleich bleiben. Mal am Bagger vorbei? Nein, das ist genauso glitschig und modderig. Hilft nur eines: Einsicht zum Rückzug. Die Freundin wird darüber in Kenntnis gesetzt, daß es hier kein Weiterkommen gibt und ich mich in ca. einer halben Stunde wieder an der Sperre einfinde.

Sie hat ihrerseits auch versucht, mir entgegenzugehen, das Vorhaben aber beendet, als plötzlich Wasser in die Stiefel trat und der Weg unüberschaubar wurde. Mit unseren nassen Haaren dampfen wir das Auto voll und nehmen in Braunlage Kaffee und überaus gelungenen Kuchen zu uns. Wir befinden uns nun wieder in der Zivilisation und möchten den lieben Daheimgebliebenen, die unsere Katze versorgen, ein kleines Souvenir mitbringen. Dazu gehen wir in einen "Souvenir-Shop". Am Eingang schlagen wir mit dem Gesicht in eine Geruchswand aus "Wurst". Meine vegetarische Freundin atmet sehr flach ein und aus. In ihre Körbchen stapeln beige Omas Wurstspezialitäten, für die sie von ihrem Hausarzt ein paar hinter die Löffel bekämen. Wir kaufen Magenbitter und gehen wieder. Das Haar duftet nach Wurst und Hexen aus Sülze. Die Sonne erscheint. Wir nehmen das hin.

Abends in Bad Sachsa gehen wir eine 18%ige Neigung hinab ins Dorf, um etwas zu essen. Es ist uns bewusst, daß wir die 18% zurück als Steigung vor uns haben werden und trinken rein prophylaktisch tüchtig Bier zur gelungenen Hausmannskost. Es gibt Hirschroulade, das muss ich haben, an Pfifferlingsauce und – wie es sich für ein sommerliches Essen gehört – Rotkohl und Klöße. Gute Klöße. Nicht diese Gummibälle aus dem Kochbeutel. Meine Freundin hat reell Pfifferlinge und Rührei. Man weigert sich auch nicht, die Bratkartoffeln speckfrei zu servieren. Trotzdem müssen wir diese unwirtliche Steigung wieder hinauf und das nach so viel Essen. Es ist qualvoll, aber wir sind ja auch selber schuld. Deswegen gibt es im Zimmer auch erstmal einen Magenbitter. In das holzvertäfelte Herrenspukschlosszimmer trauen wir uns zum einen wegen der Heizungshitze und zum anderen wegen dem Mörder, der hinter der Standuhr auf uns lauern könnte, nicht hinunter.

Am nächsten Morgen regnet es wieder wie aus Kannen ("draußen nur Kännchen"). Es ist wie verhext, haha. Wir gönnen uns auf der Rückfahrt Richtung Norden noch eine kleine Rundfahrt Richtung Wernigerode und beschließen, auf Besichtigungen zu verzichten. Wir besuchen Freundinnen in Braunschweig und essen mit ihnen Kuchen auf einer verregneten CSD-Veranstaltung. Zum Glück ist der Kuchenstand überdacht.

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