MAMMA MIA und über die Kunst, Geld zu verdienen

Neid gehört im Allgemeinen nicht zu den Eigenschaften, die man mir nachsagt. Was ganz gewiss ein Fehler derer ist, die mich nicht besser kennen oder schlimmer noch, besser zu kennen glauben. Wie auch immer: Neid gehört wie bei den meisten Menschen auch bei mir zum ganz normalen Alltag des Lebens. Ich neide Omas die endlose Zeit, die sie mit dem Suchen von Cent-Stücken an Supermarktkassen verbringen können. Ich neide dem freundlichen Türken an der Ecke das Lächeln, das er trotz Regen und Kälte für seine Kunden übrig hat. Ich neide meinem Freund die Geduld, mit er sich gerade selbst das Stricken beibringt und ich neide zwei Männern das Talent, die wohl schönsten Pop-Melodien der Welt (bitte keine Widerrede in diesem Punkt!) geschrieben, nein, erschaffen zu haben.

Benny Andersson und Bjoern Ulvaeus zauberten mit ABBA das Pop-Quartett der 70er und frühen 80er Jahre. Ich vermeide bei den Schweden das Wort "Band", weil es in einem Atemzug mit Agnetha und Annifrid gelesen, fast unzüchtig klingt. Bis heute braucht nur eine x-te Wiederauflage der Hits auf einer zum x-ten Mal zusammen gestoppelten "Gold"-CD angekündigt werden, schon sind in Sekunden mehrere Millionen "Tonträger" verkauft – weltweit und von allen Generationen. Gibt es ein Produkt auf dieser Welt, ausser vielleicht Coca-Cola, das besser läuft, als Musik von ABBA? Ich neide den Herren A. und U. nicht das Geld, nicht die Fantastilliarden, die sie mit Liedern wie "Waterloo", "S.O.S", "Dancing Queen" oder ""Fernando" verdient haben – das wäre zu billig. Es ist viel schlimmer. Ich neide ihnen die Idee, ein gefühltes Jahrhundert nach dem Zusammenbruch der Gruppe die besten Titel zu nehmen, zu einem bunten Strauss immer grüner Musical-Melodien zu schreddern, das Ganze mit einer etwas kruden Story zu umrunden und als zweieinhalb- Stunden-Bühnenshow in die Musiktheater der Welt zu bringen. Wie sagt das Programmheft? Sydney, London, New York – jetzt auch in Berlin. MAMMA MIA – das ist schon einen Asbach Uralt wert!

Nun gab es viele Kritiken zu Mamma Mia, zu Sinn und Unsinn dieses Singspiels. Ich mag nur soviel bemerken: ich habe es gesehen und brauchte zunächst Zeit, meine Gefühle für einige Interpretationen von ABBA-Titeln, wie sie am Potsdamer Platz präsentiert werden, zu ordnen. Das Stück ist nämlich dermaßen fröhlich, teilweise in Tanz und Dialog so albern, dass selbst die leiseren Titel, die fast klassischen Balladen der Schweden-Popper gnadenlos aus ihrer Stille gerissen werden. Ein Werk wie "Lay All Your Love On Me" wird bei "MAMMA MIA" zu "Gib alle Liebe mir" – umtanzt von dünnen, etwas blassen Jungs in Froschmannkostümen. Sorry, aber da stieg mir eine Träne der Trauer ins Knopfloch und ich hätte laut singen mögen: "Wer hat mein Lied so zerstört?" Weiß Königin Agnetha von diesem Schauspiel? Ich fürchte, sie hat nichts dagegen. Es geht um eine junge Frau, die mit ihrer Mutter auf einer griechischen Insel lebt, "I Have A Dream" in deutscher Fassung singt und ihren Vater sucht. Drei Männer, mit denen die "Dancing Queen" 20 Jahre zuvor turtelte, bieten sich an. Aber wer ist der Erzeuger und ist das alles so wichtig? Hat am Ende der Sieger die Wahl? ("The Winner Takes It All?") oder geht alles auf in einem grandiosen "Waterloo". Richtig Stimmung kommt in den ersten 50 Minuten noch nicht auf. Es fehlt an Glitzer und Glamour. Das Publikum muss erkennen, dass MAMMA MIA keineswegs nur "lautstarke gute Laune" ist, wie Bild wohl schrieb. Es ist zunächst mal eine wortreiche, klischeebeladene, etwas zäh gespielte und dazu vertrackte Handlung mit immerhin moderner Sprache und im weiteren Verlauf auch manch unbekannterem ABBA-Song. Eine Traumszene zum Beispiel wird zu "Under Attack" – "Unter Beschuss". Ein Höhepunkt für mich, wenn auch keiner zum Mitklatschen.

Überhaupt haben die Herren A. und U. Musik geschrieben, die sie bereits zu ihren Erfolgszeiten mit Schlaghosen und "Blitz-Gitarre" geradezu operettenhaft inszenierten. Agnetha Fältskog war das perfekte, blonde Mädchen – wie in einem Musical – das artig "Thank You For The Music" sang. In Königin Agnethas Stimme lag doch immer eine Spur Tragik. Längst nicht alles von ABBA war Party-Mugge. Das aber ist das Problem für MAMMA MIA, dem Musical, das eine lange Party sein will und bei etwa 1000 Zuschauern im Saal auch sein muss. Der Schluss läuft dann bestens. Das Publikum steht fast auf den Stühlen, tanzt und genießt die Kostüme und Melodien. Jetzt ist die Party im Gange und wieder leben die Lieder auf, die längst Klassiker sind. Tränen leuchten in manchen Zuschaueraugen und ein "Danke für die Lieder", die einfach nicht alt werden. Solange jeder eine "Dancing Queen" sein kann -ja, auch die Herren- ist das ja auch gut so.

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