Kanzler werden! Wie geht das eigentlich?

„Du solltest Kanzler werden!“ Dieser Satz fällt gerne in einer gemütlichen Familienrunde oder beim Bier am Stammtisch, wenn jemand einen interessanten Lösungsvorschlag für ein aktuelles Problem bringt oder einfach nur geistreich die Absurditäten des politischen Geschehens kommentiert. Ganz ernst gemeint ist dies meistens zwar nicht, doch gerade in diesen Zeiten der großen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit sehnen sich die Menschen nach neuen glaubwürdigen und charismatischen Führungspersonen, die die echten Probleme bei der Wurzel packen. Und warum soll diese Person nicht aus dem direkten Umfeld kommen? Solche Leute kennen sich im Alltag des Durchschnittsbürgers wenigstens noch aus. Also stellen wir uns doch mal konkret die Frage: Wie wird man eigentlich Kanzler?

Kanzler werden: die Grundvoraussetzungen

Grundsätzlich braucht ein Spitzenpolitiker einige wichtige Wesenszüge, ohne die er im harten Geschäft der Staatsmänner und -frauen nicht bestehen kann. Ganz banal ist die erste Voraussetzung und doch muss sie genannt werden: Ein zukünftiger Bundeskanzler muss zunächst Interesse an politischer Mitwirkung mitbringen. Eine Vision von Dingen, die zum Wohle der Bevölkerung verändert werden müssten, ist hier von Vorteil. Weiterhin gibt es aber auch einige so genannte „soft skills“ für den Aufstieg zum Spitzenpolitiker. Er sollte einen klugen Kopf haben und schnell entscheiden können. Er sollte redegewandt sein, um seine Positionen gut darstellen zu können. Auch diplomatisches Geschick, ein charismatisches Auftreten und ein guter Umgang mit Menschen sind unbedingt vonnöten, um Bürger und Parteikollegen von den eigenen Ansichten überzeugen zu können. Zudem braucht er auch gute Nerven und eine starke Psyche und Physis, um harte Verhandlungen, öffentlich geführte Debatten, Medienkampagnen und kräftezehrende Wahlkämpfe durchzustehen. Wenn man diese Eigenschaften mehrheitlich besitzt, kann man sich an die einzelnen Verfahrensschritte machen.

1. Schritt: in eine Partei eintreten

Zwar können theoretisch auch parteilose Bürger in den Bundestag und somit auch zum Bundeskanzler gewählt werden, praktisch ist dies aber ausgeschlossen, weil man ohne jegliche finanzielle, persönliche und mediale Unterstützung einfach keine Chance hat, ausreichend Stimmen zu erhalten. Also schließt man sich einer Partei an, die den eigenen politischen Vorstellungen natürlich entsprechen sollte, zudem aber auch Gewicht genug haben sollte, um im Bundestag eine tragende Rolle zu spielen. Hier können bereits die ersten Interessen- und Gewissenskonflikte auftreten. Gibt man zugunsten der Macht wesentliche politische Vorlieben auf oder bleibt man sich treu, um dann aber in einer aussichtslosen Partei aktiv zu sein?

2. Schritt: Parteipolitik mitgestalten

Aktiv zu sein, ist ein wichtiges Stichwort für den zukünftigen Bundeskanzler. Wer etwas werden will, sollte sich nach Kräften in die politische Arbeit einbringen, Partei- und Wahlprogramme mitgestalten, Vorschläge einbringen und nach außen Bürgernähe zeigen. Normalerweise betreibt man erst einmal Lokalpolitik und kümmert sich um die Belange der Bürger vor Ort. Ist man erfolgreich und erlangt dadurch eine gewisse Popularität, hat man bei Wahlen, die ja meistens auch Personenwahlen sind, gleich bessere Chancen. Bei den größeren Parteien CDU, CSU, SPD und FDP existieren im übrigen richtige Parteiakademien, in denen vielversprechende Jungpolitiker ausgebildet werden. Schließlich muss man sich in vielen verschiedenen Bereichen auskennen, selbst wenn man sich später in gewissen Ausschüssen auch fachlich spezialisieren kann. Doch ein breit aufgestellter Kandidat hat immer noch die besseren Aufstiegschancen, da er in der Lage ist, ganz unterschiedliche Ämter wahrzunehmen und so nach und nach die politische Karriereleiter nach oben zu klettern.

3. Schritt: Die Ämtertreppe

Wer merkt, dass Politik sein Ding ist und auch entsprechende Anerkennung erlangt, dem werden alsbald höhere Ämter angetragen. Das kann der Parteivorsitz auf Kommunal- oder sogar Landesebene sein, ein Spitzenamt in der Fraktion eines regionalen Parlaments oder gar ein Bürgermeister-, Senatoren-, oder Ministeramt, wenn man erste Wahlen bestritten und gewonnen hat. Das dadurch gewonnene Ansehen macht einen natürlich interessant für die bereits existierenden Spitzenpolitiker einer Partei. Ein junger aufstrebender Politiker wird gern von den Bundespolitikern in Augenschein genommen. Aber Vorsicht! Ist man zu offensiv mit dem Streben nach Macht, kann man auch Misstrauen bei den eigenen Leuten ernten, die um den guten Platz buhlen. Daher ist es wichtiger gute Beziehungen zu pflegen, um seinen Aufstieg zu untermauern. Diese „Seilschaft- und Netzwerktaktik“ wird nicht zu Unrecht auch immer wieder von Bürgern und Medien kritisiert. Wohl kaum einer der bisherigen Bundeskanzler ist zu seinem hohen Amt gekommen, ohne zuvor durch Beziehungen Punkte gesammelt zu haben, später aber knallhart Parteigenossen und langjährige Weggefährten auszustechen, wenn es ums Ganze geht. An dieser Stelle sind Politik und freie Wirtschaft wohl nicht sehr verschieden.

4. Schritt: Die Bundestagswahl

Nun geht es ums Ganze und dabei hilft uns der gute alte Sozialkunde- oder Politikunterricht der gymnasialen Mittestufe. Hier wird gelehrt, wie das mit der Bundestagswahl funktioniert: Es gibt eine Erst- und eine Zweitstimme. Mit der Erststimme wählt man einen Kandidaten einer Partei aus dem Wahlkreis, in dem man wohnt. Der Gewinner dieses Wahlkreises erhält einen sicheren Platz im neuen Bundestag (Direktkandidat). Mit der Zweitstimme wählt man eine Partei und diese Stimmen sind entscheidend für deren Sitzanteile im höchsten deutschen Parlament. Hat eine Partei so viele Zweitstimmen erreicht, dass ihnen mehr Sitze zustehen, als direkt gewählte Kandidaten vorhanden sind, können sie die übrigen Plätze über die so genannten Listenplätze auffüllen. Auf diesen Listen benennen die Parteien vor der Wahl eine Reihenfolge ihrer wichtigsten Politiker. Wer weit oben steht, hat eine gute Chance, Mitglied im Bundestag zu werden. Hat man es als Politiker einer gewichtigen Partei auf eine Landesliste geschafft oder ist einer der direkten Kandidaten in einem speziellen Wahlkreis, muss man nur noch sich wählen lassen.

5. Schritt: Der Weg zum höchsten Bundespolitiker

Wer zum ersten Mal im Bundestag sitzt, wird im Vorfeld vermutlich nicht schon für das Amt des Bundeskanzlers in Frage kommen. Doch wenn man einige Jahre in der Bundespolitik mitgemischt hat, wird man durch seine Partei in immer wichtigere Gremien berufen oder bei einer Regierungsbeteiligung sogar für einen Ministerposten vorgeschlagen. Und so kann es sein, dass man eines Tages zum Kanzlerkandidaten berufen wird und sich mit seinem Konkurrenten vor der Bundestagswahl ein TV-Rededuell liefert. Entscheidend ist dann natürlich nicht mehr, ob man überhaupt einen Sitz im Parlament erhält, sondern dass die eigene Partei die Wahl gewinnt, im Allgemeinen dadurch, dass sie die meisten Stimmen erhält (im Einzelfall kann auch mal die zweit- oder drittstärkste Partei die Regierungsführung übernehmen wenn der oder die Koalitionspartner stark genug sind). Wird dieses Ziel erreicht und laufen anschließend auch die Koalitionsverhandlungen mit Erfolg ab, kann sich der Spitzenkandidat der neuen regierungsführenden Partei zum Kanzler küren lassen. Dies geschieht durch eine Wahl im neu gewählten Bundestag und da die gebildete Regierung die Stimmenmehrheit besitzt, sollte diese Wahl auch stets nur Formsache sein. Der Bundespräsident ist schließlich für die Vereidigung des neuen Kanzlers zuständig.

So einfach oder so schwierig kann man Kanzler werden. Doch Vorsicht: Der Aufstieg mag steinig und lang sein, doch der Absturz kann umso jäher und schneller vonstatten gehen. Man frage nur mal bei Herrn zu Guttenberg nach.

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