Ist es denn die Möglichkeit?

Was haben die folgenden schönen Vörben gemeinsam? Fließen, kriechen,glimmen, gießen, weben, ziehen, beginnen, heben, quellen, fechten, erwägen. Na? — Genau: ihr Irrealis wird auf Ö gebildet: flösse, kröche, glömme, gösse, wöbe, zöge, begönne, quölle, föchte, erwöge. Diese Möglichkeitsformen sind grammatisch völlig richtig, und trotzdem voll daneben, kein Mensch spricht mehr so: 'Angenommen, ich gösse dir noch eine Tasse Tee ein, protestiertest du dann wohl?'. Nee, wir 'machen keinen auf Courths-Mahler' mehr und wir machen uns vor allem nicht lächerlich, wir würgen die Sprache ganz würdelos mit einem hilfsweisen 'würde': 'Angenommen , ich WÜRDE dir noch eine Tasse Tee eingießen, WÜRDEST du dann wohl protestieren …'. Ist zwar länger, ist zwar plumper, aber wir sind immerhin auf der sicheren Seite, wo unsere Ignoranz und unser Nichtwissen unentdeckt bleiben können.

Nun gut, so sind eben diese Konjunktive auf Ö. Greifen wir also zu den folgenden schrägen Värben: erschrecken, binden, verschwinden, stechen, essen, brechen, trinken? Sagt irgendwer, sobald es hier um die bloße Möglichkeit einer Handlung geht, noch: erschräke, bände, verschwände, stäche, äße, bräche, tränke? Allenfalls die Tränke hat sich als Substantiv erhalten. Kurzum – wir haben den guten alten Konjunktiv der Möglichkeit in Pension geschickt und behelfen uns dummdreist mit diesem 'würde'.

Dabei wäre die grundlegende Regel eigentlich ganz einfach: Der 'Irrealis' wird in den allermeisten Fällen dem Imperfekt folgend gebildet. Wenn es heißt: 'Er goss den Eimer aus', dann folgt die Möglichkeitsform bei der Vokalisierung diesem 'goss' und wird zu 'gösse'. Und wenn jemand noch ein Bier 'trank', dann heißt es 'er tränke noch ein Bier' im Konjunktiv, 'allerdings nur, wenn Isabelle nichts dagegen hat'. Yo – und dann allerdings sind da noch diese Ausnahmen: Er 'begann' heißt es im Imperfekt, aber trotzdem er 'begönne' im Konjunktiv. Ist doch gar nicht so schwer – oder?

Ein schwacher Abglanz einstiger konjunktivischer Würde umgibt heute nur noch ganz bestimmte Verben. Wer schriebe: 'Er fragte Desdemona, ob sie ihn lieben WÜRDE', dem ist nicht zu helfen: Der wird auf der Stelle füsiliert.

6 Meinungen

  1. Spontan fiel mir das „Trostlied im Konjunktiv“ von Kästner ein, Ihnen sicher bekannt:http://www.wakita.ch/kontakt.htmlIch möchte nicht unerwähnt lassen, dass Sie in mir einen neuen Fan dieses Blogs gefunden haben.

  2. Wenn ich ein Vöglein wär, und auch zwei Flüglein hätt, flög ich zu dir…Der Konjunktiv ist nicht zuletzt Ausdruck sprachlicher Kultur.

  3. UNGEREIMTES…Stell dir vor,es gäbe keine Kriege mehr,sie bräuchten kein Geld für irgend ein Gewehr.Die Tornados flögen NICHT nach Aphganistan,in Deutschland kämen endlich unsere KINDER dran,wären zuhause jede Frau und jeder Mann.Hülfen NICHT der Bush-Regierung beim Töten,diese Mittel fänden Anwendung für Menschen in Nöten.Islamisten kämpften NICHT mehr….AUGE UM AUGE,ZAHN UM ZAHN,…Schmisse es uns vielleicht morgen atomal aus der Umlaufbahn???Getextet Katy Heyden 10.04.07

  4. „Wenn die Konjunktiv-II-Form infolge Identität mit den Formen des Indikativ Präteritums zu Missverständnissen führen kann, kann auf eine Hilfskonstruktion mit „würde“ ausgewichen werden. Folgerichtig ist der Einsatz des würde-Konjunktivs bei der Bildung der indirekten Rede erlaubt, wenn der Konjuntiv I wegen der Identität mit dem Indikativ Präsens durch den Konjunktiv II ersetzt wird und die vom Präteritum abgeleitete Normalform des Konjunktiv II mit dem Indikativ Präteritum übereinstimmt.“ (aus Wikipedia)Jau! Ware ich Deutschlehrer, verstünde ich es sogar.

  5. Na, das ist doch klar: Dieses ‚würde‘ dürfte an und für sich und eigentlich nur gaaanz ausnahmsweise mal in einem Satz erklingen. Was aber sind schon Regeln, an die sich niemand hält?Kästner ist ein lyrischer Sprachmeister – aus seiner Generation sind allenfalls Polgar, Mehring oder Tucholsky mit ihm zu vergleichen.

  6. Hallo,
    vielleicht interessiert es noch: Mein erster Deutschlehrer am Gymnasium lehrte mich mit erhobenem Zeigefinger: „Würde hat man, würde schreibt man nicht.“ Kaum ein anderer Lehrsatz hat sich mir stärker eingeprägt.

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