„Erklärt den Sieg und haut ab!“ Das riet ein Freund dem US-Präsidenten Lyndon B. Johnson als die USA sich in Vietnam verzettelten. Den gleichen Rat gibt der Publizist Uri Averny nun Ehud Olmert und Amir Peretz [Syrien durch das Zielrohr oder Ein niedlicher, kleiner Krieg…..].
Averny hat womöglich Recht, denn welches Ziel könnte Israel im Libanon noch erreichen und mit welchen Mitteln? Die Zerschlagung der Hisbollah aus der Luft hat sich nach mehrwöchigem Bombardement als unmöglich erwiesen. Das genaue Gegenteil ist eingetreten, die Terrororganisation erhält täglich Zulauf. Nach dem Kana-Massaker konnte man auf Beiruts Straßen Maronitische Christinnen im Gucci-Kostüm Nasrallah-Plakate schwenken sehen. Ein schöner Erfolg – für die Hisbollah!
Statt aber die 48-stündige Feuerpause nach der Kana-Katastrophe zur Reflexion der Situation zu nutzen, heißt es jetzt aus Jerusalem: „Israel wird die Offensive gegen Hisbollah ausweiten und verstärken, denn nach einer sofortigen Waffenruhe wird sich die Hisbollah schnell regenerieren können und dann sind wir in wenigen Monaten wieder am selben Punkt wie vorher“, soweit Israels Verteidigungsminister Peretz heute vor der Knesset [SpOn: Israel will Offensive verstärken].
Also gibt es einfach noch drei Wochen Krieg und dann ist die Hisbollah erledigt? Wenn man sich die asymmetrischen Kriege der jüngsten Geschichte anschaut, ist ein nachhaltiger Erfolg doch eher unwahrscheinlich. Wie soll dieser Krieg nun überhaupt weitergeführt werden? Die Feuerpause war jedenfalls recht kurz: [SpOn: Israel fliegt neue Luftangriffe].
Vermutlich wird Israel jetzt versuchen mit Bodentruppen eine Sicherheitszone im Südlibanon zu etablieren. – Ein erprobtes und bereits spektakulär gescheitertes Konzept. Als die israelische Armee 1982 den Libanon besetzte, wurde sie von den Schiiten als Befreier empfangen. Sie hofften, Israel würde die PLO-Kräfte vertreiben, die damals die Kontrolle über das Gebiet hatten. Aber als ihnen klar geworden war, dass Israels Armee dort ist, um zu bleiben, begannen sie einen Guerilla-Krieg, der 18 Jahre lang andauerte. In diesem Krieg ist die Hisbollah entstanden und breitete sich aus, bis sie die stärkste Organisation im ganzen Libanon wurde.
Offensichtlich soll die nächste Sicherheitszone von einer internationalen Truppe kontrolliert werden. Die diplomatischen Bemühungen der letzten Tagen weisen schon deutlich daraufhin, dass diesmal auch die Europäer in den Konflikt involviert werden könnten.
Für Israels Falken hätte das einen enormen Charme, denn die an dieser Truppe beteiligten Nationen würden endlich zur Kriegspartei. Maximal konfliktausweitend wäre eine NATO-Mission mit robustem Mandat. Nach einigen Hisbollah-Aktionen gegen französische oder gar deutsche Soldaten würden die gemäßigten Töne aus Europa schnell verstummen und die Frontlinien für den „Clash of Civilizations“ wären endlich klar definiert.
Stellt sich nur die Frage, was damit für die Sicherheit Israels langfristig gewonnen wäre?
Prof. Tony Judt, Direktor des Remarque Instituts an der New Yorker Universität sieht in Zukunft sogar die Existenz Israels durch eine zunehmende Wahrnehmungsänderung in der Welt gefährdet [Tony Judt: „Panzer mit David-Stern – Israel, in den Augen der Welt längst ein normaler Staat – nur benimmt er sich vollends anormal“].
Ach so, von der Befreiung der entführten israelischen Soldaten spricht selbstverständlich niemand mehr, die sind einfach nur zwei Posten mehr in der „Body Count“-Bilanz…
Die Chefarztfrau