Die so genannte Moderne ist vorüber und trotzdem wird über Integration geredet, als ob nichts passiert währe. Alles Mögliche wird integriert und dabei scheint es oftmals nur um Gleichschaltung zu gehen. Dabei kann nicht mehr darum gehen, alles unter die Kategorien der reinen Vernunft zu subsumieren. Differenz und Pluralität lauten die Stichworte unserer postmodernen Zeit. Die Wahrnehmung von Differenz ist das Thema unserer Tage.
Welchen Integrationsbegriff brauchen wir also und was sind die Voraussetzungen. Religion spielt dabei eine zentrale Rolle, wobei dieser Begriff nicht auf "Weltreligion" eng geführt werden darf. Jede Auffassung darüber, was de Welt zusammenhält, ist Religion: Religiöser Fundamentalismus genauso wie naiver scientistischer Positivismus.
Wer aber glaubt, die Religionen auf einen gemeinsamen Kern zurückführen zu können, der begeht einen elementaren Fehler. Die lessingsche Ringparabel in ihrer traditionellen Auslegung hat ausgedient, weil sie religiöse Phänomene unzulässigerweise auf deren ethische Kernaussagen reduziert, die irrtümlicherweise für identisch erklärt werden. Dieser Reduktionismus wird der Sache und der Verschiedenheit der Phänomene nicht gerecht.
Wir stellen fest, dass es gibt keine universelle Wahrheit gibt. Nur einer der drei Ringe ist echt, die anderen beiden sind "fake". Dass aber der echte Wunder tut, wird nicht berichtet. Im 21. Jahrhundert geht die Interpretation auf die Verschiedenheit, nicht auf die Gleichheit! Wir stehen dabei unterschiedliche Wahrheitsansprüche gegenüber. Nur einer der Ringe ist echt und jeder erhebt den Anspruch, im Besitz des echten zu sein.
Wie kommen wir aber denn nun weiter? Die Antwort darauf kann nur Pragmatismus sein. Es ist besser, miteinander zu reden, als aufeinander zu schießen. Die Gründe dafür sind verschieden, aber wir können davon ausgehen, dass eine Mehrheit der Menschen diese Auffassung teilt. Eine universelle Begründung aus den Religionen heraus zu destillieren, wie es Hans Küng mit seinem Projekt Weltethos versucht hat, erliegt dabei aber wieder dem Vorwurf des Reduktionismus. Was wir brauchen ist bei aller Heterogenität eine funktionale Homogenität, die sich aus der Praxis des globalen Überlebens ergibt.
Die sich darin entfaltende Heterogenität kann durchaus als Chance verstanden werden. Wer immer nur mit den eigenen Leuten redet, wird irgendwann stumm, weil man sich nichts mehr zu erzählen hat. Wer im Nachdenken über seine eigene Religion weiter kommen will, braucht die Verschiedenheit! Die Wahrnehmung von Verschiedenheit als daher Schlüssel zur eigenen Wirklichkeit – und zum Frieden. Der universelle Anspruch auf Objektivität führt dagegen zum Stillstand des Denkens – und zur Gewalt.
Die Konsequenz dieser Überlegungen kann daher nur der Pluralismus als Organisationsform unserer Gesellschaft sein. Vom Pluralismus selbst kann man jedoch nicht leben. Er ist keine Religion, sondern der kommunikative Rahmen.
Integration kann daher niemals heißen, Unterschiede einzuebnen. Wer glaubt, dass "wir doch irgendwie alle das gleiche glauben und wollen", der stellt das Reden und das Denken ein. Wahrheitsansprüche können immer nur subjektiv bzw. intersubjektiv und perspektivisch sein.
Es scheint mir daher angezeigt, von Pluralismusfähigkeit und nicht von Integrationsfähigkeit zu sprechen! Voraussetzungen dafür sind: Kommunikations- und Dialogfähigkeit, Toleranz, Gewaltfreiheit und die Kenntnis seiner selbst und der eigenen Traditionen. Vor allem letzteres scheint mir in unserer Gesellschaft mittlerweile ein Desiderat zu sein. Überflüssig zu sagen, dass diese Voraussetzungen für alle Teilnehmenden am pluralen Diskurs gelten.
