Hinter der Tür

So eine ist die, von der hier die Rede ist. Sie befindet sich in einer hochwandigen WG im ersten Stock eines Hauses in Prenzlauer Berg. Das Haus ist von eher innerer Schönheit. Die äußere ist dem Renovierungseifer zum Opfer gefallen.

Sie ist elfenbeinfarben, die Tür, und meistens verschlossen. Seltsame Geräusche dringen dann aus den Ritzen nach draußen auf den Flur. Geräusche von Tätigkeit und Eigensinn: ein Sägen, ein Raspeln, dann wieder lange nichts und hin und wieder das Heulen eines Föhns. Untermalt ist alles unbedingt mit Musik. Die besteht mitunter aus nur einem einzigen Lied: eine akustische liegende Acht.

Was wohl hinter dieser Tür geschieht?

Kein Zweifel, diese Tür macht neugierig. Das ist gut, denn die Gier nach Neuem ist der Motor für alles. Ohne sie gäbe es nichts: kein Telefon, kein Gedicht, keine Fußnoten und auch keine Musik. Nicht einmal Menschen gäbe es.

Der Hunger auf Neues ist es wohl auch, der die Menschen von überall her (nicht nur aus dem Schwabenland) in diese Stadt treibt. Sie schärft das Profil, hobelt Überflüssiges ab und lackiert neu oder sprüht Garaffiti auf. Sie hilft den Zögernden auf die Sprünge, schenkt den Schüchternen Selbstvertrauen, und den Eitlen hält sie den Spiegel vor: „Sooo toll bist du nun auch nicht, guck dich doch mal um, von dir gibt’s Tausende! Also vergiss den Coolnesskram und komm endlich zum Punkt!“

Wie viele Türen gibt es in dieser Stadt, hinter denen vor sich geht, was kaum einer für möglich hält? Wie viele Wunderwelten, die von unterschiedlichsten Türen abgeschirmt werden, beschützt vor den Schlägen der Sachlichkeit und der keimtötenden Wirkung des Geredes?

Manchmal, selten nur, geht die Tür für einen kurzen Moment auf und gibt den Blick frei auf Vieles, Verschiedenes, Buntes, Kleines und Größeres, Fertiges und Unfertiges und unfertig Fertiges. Heraus federt dann eine Gestalt, von Kopf bis Fuß in ursprüngliches Weiß gekleidet. Die weiße Zeit scheint lange vorbei, Tätigkeit und Eigensinn haben den Stoff über und über bunt besprenkelt.

Die weiß-bunte Gestalt geht in die Küche, zündet das Gas an, fragt nach Kaffeewunsch, setzt zügig Kaffee auf und ist so schnell wieder hinter der Tür verschwunden, dass man den Moment schon wieder verpasst hat, in dem man vielleicht eine Antwort auf die Türfrage hätte bekommen können.

Was steckt hinter der Tür, und was steckt hinter dem, was hinter der Tür steckt, und was hinter DEM?

Aber vielleicht liegt in der Frage auch schon die Antwort: Wunderwelten sind zum Wundern da. Nicht zum Wissen.

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