Guter Journalismus nicht erwünscht

Wie aber ist der Journalismus auf diese Schwundstufe gelangt? Nun, im heutigen Journalismus herrscht das Ideal der ‚Objektivität‘ und der ‚Neutralität der Berichterstattung‘ vor, diese Monstranz wird auf allen Kathedern der Journalistenschulen aufgestellt und von allen angebetet. Wer in der Redaktion dagegen verstößt, der erhält einen Einlauf, dass er sich drei Tage nicht von der Kloschüssel traut. Dann hat er’s meist begriffen.

An diesem Ideal selbst wäre ja auch nichts Falsches, wenn sie es nicht alle, alle, alle mit trockenster Bürokratensprache und dürrster Geheimratsprosa verwechseln würden: „Das Mainzer Arbeitsgericht hat am Dienstag die bundesweiten Warnstreiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bei der Bahn verboten" (Linkszeitung, 10.7. 2007). Alles klingt, wie aus dem gleichen Güllefass geschöpft. Man sieht daran – der schlechte Stil ist parteiübergreifend und allgegenwärtig. Die heutigen Journalisten haben das Erzählen verlernt, die Leser gähnen oder sie gehen ihnen ins Web flitzen.

Zum Kontrast stelle ich einfach mal ein paar Anfänge von verstorbenen Könnern daneben, damit vielleicht die Blogger allmählich jene Vakanz einzunehmen lernen, die ihnen die heutigen Journalisten in ihrer Dummheit einräumen:

„Du musst dich vor den Massen hüten. Sie sind das Übel von heute. Ob sie sich offen Kaiser nennen oder versteckt Öffentlichkeit oder Kollektivum: laß dich nicht betrügen, sie meinen alle dasselbe, sie wollen dich schlucken" (Uhu, März 1932 / Alfred Döblin). Oh Gott, moralische Ratschläge! Apropos – den Journalisten möchte ich sehen, der heute seine Leser duzt …

„Um den Leichnam Friedrich Mitterwurzers ist ein Kulturkampf entbrannt. Der große Komödiant, der im Feuchten und Kalten nicht leben konnte, wollte auch als toter Mann nicht unter kalten und toten Erdschollen ruhen: das Feuer sollte seinen Leib verzehren" (Die Zukunft / Maximilian Harden). Hörnsema, Sie müssen ja nicht alles gleich personifizieren, nech! Sie sollen objektivieren, alles unter ein höheres Licht stellen.

"Um so eine Sache zu schreiben, brauchen Sie eine Schreibmaschine. Um schildern, erzählen und ein paar Seitenhiebe machen zu können, brauchen Sie etwas Glück, noch zwei oder mehr Drinks und eine Schreibmaschine. Meine Herren, es gibt hier keine Schreibmaschine" (Ernest Hemingway). Sarnse ma, spinnen Sie jetzt komplett. Was erzähln Se denn da: Unsere Redakteure saufen doch nicht!

„Aschchabad, die ruhige Stadt. Manchmal fährt eine Wolga-Limousine durch die Straße. Manchmal stampft ein Esel mit seinen Hufen auf den Asphalt. Auf dem russischen Markt wird heißer Tee verkauft" (Ryszard Kapuscinski). Gehen Sie mir los mit ‚heißem Tee‘, das ist doch kalter Kaffee. Unsere Leser wollen Action, lassen Se ma was passiern für Ihr Geld!

„Wieder eine kapitale Pleite mit kriminellem Brandgeruch. Wieder krabbelt aus dem Schutthaufen bemakelt eine Koppel von Ehrenbürgern und höhern Beamten" (Carl von Ossietzky). Ja, bei Ihnen piept’s doch wohl, denken Sie gefälligst an unsere Inserenten. Und dann noch ‚wieder‘! Haben Sie Ihren Wolf Schneider denn nicht gelesen? …

Und so kommt es – unter anderem – dass guter Journalismus heute gar nicht mehr recht möglich ist. Da sei die vereinigte Verlegerschaft davor. Dafür aber gibt es jetzt Blogs …

2 Meinungen

  1. <a href="Handwerk und „Herzton““ Was guter Journalismus sein soll, beschrieben Hermann Schreiber und Matthias Greffrath: „Vor allem Aufklärung. Er soll den Ausschnitt vergrößern. Greffrath: “Blende 16, mehr Tiefenschärfe”. Schreiber sagt, dass Journalisten vor allem Geschichten erzählen sollen: voraussetzungslos, handwerklich gut gearbeitet, mit einer gelungenen Dramaturgie. Greffrath ergänzt, dass “Herzton” wichtig sei…“

  2. Ja – und jemand wie Greffrath firmiert im öffentlichen Bewusstsein als ‚Schriftsteller‘ und Améry-Preis-Träger für Essayistik, weniger als Journalist, Hermann Schreiber als gesuchter Biograph und als ‚Grand Old Man‘ des deutschen Journalismus, der als schreibgewaltiges Urgestein doch auch eher in der marmornen Nannen- und Augstein-Liga spielt. Beide haben den Aufstieg geschafft – durch Stilwillen und literarisches Können. Wie relevant sind solche Leute aber für die Tagesschreiber?

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