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    Start » Grundeinkommen ? ein radikaler Vorschlag
    Politik Inland

    Grundeinkommen ? ein radikaler Vorschlag

    9. Mai 20065 Minuten Lesezeit

    Denn jetzt hat sich zum ersten Mal ein „prominenter“
    Wirtschaftswissenschaftler für die Einführung eines Grundeinkommens in
    Deutschland ausgesprochen. Unter der Woche, genau gesagt am 4. Mai,
    veröffentlichte die Frankfurter Rundschau Online ein Interview mit Thomas Straubhaar, seines Zeichens Leiter des privat finanzierten Hamburgischen
    WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Darin fordert Straubhaar, eigentlich bekannt
    als eher nüchterner Analytiker, eine Existenzsicherung für jeden Bundesbürger:
    mindestens 7.525 Euro im Jahr. Über die Höhe dieses Basiseinkommens müsse – so
    Straubhaar – letztlich politisch entschieden werden. Sie sei abhängig von den
    Steuersätzen, insbesondere von der Einkommenssteuer und der Mehrwertsteuer.
     
    Damit springt Straubhaar einem anderen Verfechter des
    bedingungslosen Grundeinkommens argumentativ zur Seite, nämlich Götz Werner,
    dem Chef der Drogeriemarkt-Kette dm. Werner rührt seit Monaten kräftig die
    Werbetrommel für seine utopisch anmutende Idee eines Grundeinkommens für alle,
    das er mit bis zu 1.500 Euro pro Monat veranschlagt. Siehe seine Informations-Homepage „Unternimm die Zukunft“.
     
    Worum geht es eigentlich bei diesem alternativen
    Wohlfahrtsmodell? Und wieso wird gegenwärtig versucht, diesen Ansatz zu
    popularisieren?
     
    Eine der gängigsten Definitionen lautet: Ein allgemeines
    Grundeinkommen ist „ein Einkommen, das von einem politischen Gemeinwesen an
    alle seine Mitglieder individuell, ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne
    Gegenleistung ausgezahlt wird“
    (Zitiert nach Vanderborght/Van Parijs. Bibliographie
    siehe unten).
     
    Anders gesagt: Beim Grundeinkommen handelt es sich um eine
    solidarische Existenzsicherung für alle Bürgerinnen und Bürger eines Landes.
    Der gemeinsam erwirtschaftete Reichtum soll allen zugute kommen. Wobei
    natürlich nicht ausgeschlossen werden soll, dass jeder individuell etwas
    hinzuverdient, und zwar so viel, wie er will. Ein Quasi-Arbeitszwang, wie er
    auch dem Prinzip des „Fördern und Forderns“ entspricht, besteht nicht.
     
    Unter einen bestimmten Einkommensbetrag, der ein bescheidenes
    Leben ermöglicht, kann folglich niemand mehr fallen. Die Zeiten von Armut und
    Arbeitslosigkeit wären passé. Die Zeit der hohen Sozialversicherungsbeiträge
    ebenfalls. Die Lohnkosten der Unternehmen würden extrem sinken, Arbeit wäre
    endlich wieder bezahlbar. Bei dieser Art der gemeinschaftlichen
    Subventionierung von Arbeit käme der ersehnte Beschäftigungsboom von ganz
    allein.
     
    Ausgestattet mit einem angemessenen Startkapital, dem
    Grundeinkommen, wäre jeder seines Glückes Schmied; er wäre frei, könnte konsequent
    seinen Interessen und Neigungen nachgehen, ohne jemals wieder Existenzängste
    durchleben zu müssen. Götz Werner zufolge würde die Gesellschaft „gewaltig“ reicher werden: vielleicht gar nicht so sehr materiell, sondern reicher an
    Ideen, geschäftlichen wie künstlerischen, die die Menschen selbstbestimmt
    umsetzen. Daraus könnte eine enorme gesellschaftliche Dynamik erwachsen: mehr
    persönliche Freiräume, mehr Chancen, sich produktiv in den
    Wertschöpfungsprozess einzubringen, mehr Humanität.
     
    Mehr Humanität! Die Götz Werner aufgrund der gegenwärtigen
    arbeitsmarktpolitischen Misere und dem „Horror“, den Hartz IV verbreitet (vgl.
    DER SPIEGEL 21/2005), wohl völlig abhanden gekommen sieht. Hartz IV sei
    „Menschenquälerei“, „offener Strafvollzug“, ließ Werner vor kurzem
    publikumswirksam verlauten. „Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz
    IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität.“ Den Grund des Übels hat
    Werner auch schon ausgemacht: Die verantwortlichen Politiker seien
    „narkotisiert vom Vollbeschäftigungswahn.“
     
    Notwendig sei es hingegen, die Menschen vom Zwang zur
    Erwerbsarbeit zu befreien, von einer Arbeit, die sie nur des Einkommens wegen
    leisten, nicht aber weil sie ihren Neigungen und Fähigkeiten entspricht und sie
    mit ihr einen Sinn verbinden, der sie innerlich erfüllt. Dem „Mythos“ der
    Vollbeschäftigung anzuhängen, sei grundverkehrt. Der Erwerbsgesellschaft gehe
    nun mal die Arbeit aus, die bezahlte, wohl gemerkt, nicht die Arbeit an sich.
    Zu tun gibt’s genug. Keine Frage.
     
    Vor allem für die wirtschaftsliberalen Befürworter der
    Grundeinkommensidee ist klar: Wir müssen die Menschen in die Lage versetzt
    werden, sich ihre Arbeit bzw. ihre tagtäglichen Beschäftigungen selbst
    auszuwählen. Also beseitigen wir als erstes den Sozialstaat in seiner
    bestehenden Form! Er unterbindet die Eigeninitiative, er zerstört die Freiheit.
     
    Kann man einen derartig radikalen Systemwechsel wirklich
    postulieren? Ja, man kann. Wie HWWI-Chef Thomas Straubhaar, der in diesem Punkt
    eine deutliche Sprache spricht: „Ich will die Abschaffung des Sozialstaats.“
     
    Zwei „kritische“ Anmerkungen zum Schluss: Würden sich viele
    Bezieher des Grundeinkommens nicht einfach auf die faule Haut legen? Und wie
    könnte sichergestellt werden, dass genügend Menschen arbeiten, sprich an der
    gesellschaftlichen Wertschöpfung mitwirken, durch die der Reichtum produziert
    wird, von dem die Gemeinschaft insgesamt lebt?
     
    Und die alles entscheidende Frage: Wie ließe sich dieses
    Modell denn finanzieren? Die Idee des Grundeinkommens klingt so utopisch, dass
    mancher sofort abwinken wird: Können wir uns eh nicht leisten! Forget it! Aber
    nichts da. Das Modell ist von verschiedenen Seiten durchgerechnet worden. Mit
    unterschiedlichen Ergebnissen. Straubhaar etwa würde alle Einkommen (Löhne,
    Zinsen, Mieteneinnahmen, Kapitalerträge) mit einem gleichbleibenden Steuersatz
    von 35 Prozent besteuern. Die Mehrwertsteuer würde in seinem Modell bei circa
    25 Prozent liegen. In Werners Modell dagegen läge die Konsumsteuer noch weitaus
    höher, bei bis zu 50 Prozent. Dafür würde aber die Arbeit an sich, die ja die
    Werte überhaupt erst schafft, nicht besteuert. Weitere Finanzierungsvorschläge
    finden sich in dem erst kürzlich veröffentlichten brand eins-Artikel
    „Ausgerechnet: Grundeinkommen“ von Sebastian Jost.
     
    Thematisch interessant ist auch der Artikel „Lohn der Angst“ von Wolf Lotter, ebenfalls in brand eins erschienen. Sowie das
    sozialphilosophisch ansetzende, jedoch sehr lesbare (und lesenswerte!)
    Einführungswerk
     

    Yannick Vanderborght / Philippe Van Parijs:


    Ein Grundeinkommen für alle?

    Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags
    Mit einem Nachwort von Claus Offe
    Campus Verlag
    Frankfurt / New York 2005 

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