Ehrlichkeit ist regional

Die saubere Argumentation ist sicherlich nur ein Merkmal unter vielen. Gerade die hanebüchensten PR-Texte sind oft argumentativ am saubersten zusammengestöpselt: ein eigens installiertes Labor bescheinigt dann irgendetwas Erwünschtes (wissenschaftliches Argument), andere engagierte Kollateral-Medien hupen lauthals Zustimmung wie auf einer türkischen Hochzeit (Argument der zustimmenden Öffentlichkeit). Kurzum: So plump geht Ehrlichkeit nicht.

Auch nicht mit der Brechstange der Wissenschaft – denn das Imponiervokabular dieser Frau Professorin imponiert vielleicht dem einen oder anderen Unbedarften, der Bedeutung dort vermutet, wo er nichts mehr versteht, inhaltlich bewirkt es bei mir aber eher Distanz von der Aussage: „Während herkömmliche Projekte innerhalb von Funktionsbereichen ein schrittweises Vorankommen bewirken, sind strategische Initiativen von der Strategie abgeleitete Prioritäten, die von verschiedenen Funktionsbereichen bearbeitet werden". So – und jetzt wenden Sie mal den Blick vom Bildschirm ab, und wiederholen Sie, was dort gesagt wurde. – – – Wie, geht nicht? – – – Wie kommt’s? – Richtig, es wurde nämlich rein gar nichts gesagt. Das war schlicht ein Wörterbrei, es wurden Begriffe verschoben: irgendwelche Projekte bewirken innerhalb von Bereichen ein Vorankommen, während andere Funktionsbereiche dieses Vorankommen bearbeiten. Das ist Hegel auf ökonomisch – oder schlicht „Sprachkrebs", wie sich der Kollege vom „Wortreich" dort ausdrückt.

Der Eindruck von Ehrlichkeit entsteht dagegen, wenn wir das Gegenteil tun: Eine schlichte Sprache sollten wir verwenden, nahe am Sprachgebrauch der Leute bleiben, und sogar den einen oder anderen Regionalismus ‚verwursten‘. Mit diesem Wort ‚Verwursten‘ finge es schon an, noch besser aber ist der wirkliche Rückfall in das regionale Idiom. Das jedenfalls wäre die erfolgversprechendste Methode, um die ersehnte ‚Glaubwürdigkeit‘ oder ‚Authentizität‘ zu schaffen. Denn wir vergessen allzu leicht, dass jenes ‚Hochdeutsche‘, das wir schreiben, eine Gewalt ist, die wir uns im Beruf und an der Tastatur täglich antun. Im wörtlichen Gespräch artikulieren wir uns dagegen alle ‚regional‘: „Wie – von dem Termin wissense bisher nichts von?" so erklingt es hier in Bremen auch auf den Vorstandsetagen. Und so ist es auch mit der Ehrlichkeit, man wirkt immer ‚ausgesprochen ehrlich‘.

Man muss das Prinzip ja nicht gleich so weit treiben wie das ‚Hackblog‘ dort, wo die „Ingeborch" ihr Idiom vom Rande des Ruhrpotts bis zum Lautimitatorischen pflegt. Hundertprozentig ehrlich aber wirkt ihr ‚Tegtmeiern‘ dort schon: „Erstens will die Badekappe nich auffen Kopp bleiben und plöppt immer nach oben wech. Datt anziehen von den Ding is‘ übrigenz auch sonne Übung für sich, wenn man da alle Haare drunterkriegen will… Zweitens, wenn man die ganz fest über die Ohren und inne Stirn, tut datt anne Ohren weh und am Kopp. Ausserdem hör‘ ich nich mehr so gut. Drittens macht Herr A. immer doofe Witze und die Leute lachen dann über mich mit. Viertens krich ich sowatt von 1 heissen Kopp dadrunter, als wie wenn ich mir Alufolje ummen Kopp wickeln tu, damit datt die Haarkur besser einwirken kann. Fünftens muss man datt Teil immer wieder zurechtziehen und kommt total aussen Rhythmus vom Schwimmen dabei. Sechstens hat man danach ganz blöde Streifen auffe Stirn. Siebtens fällt mir nix mehr ein, irnzwatt mussich abba wegen meine Haare machen, die mögen kein Chlor und ich kann ja nich dreima die Woche 1 Kur reinmachen, ne".

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