Wenn ich nämlich sehe, welche Figuren die Reform als Vehikel für ihre ideologischen Phobien benutzen, dann möchte ich mit denen auch nicht aus einem Eimer trinken:
'Die Praxis sieht anders aus. Glaubt man Reinhard Markner, dem Vorsitzenden der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, sieht sie sogar völlig anders aus: „Das gesunde Sprachempfinden hat durch die Reform und ihre Reformen schweren Schaden genommen.“ Grammatische Zusammenhänge seien durch die neuen Regeln, besonders die zur Groß- und Klein- sowie zur Zusammen- und Getrenntschreibung, nicht mehr erkennbar. Das Hauptziel der aus „sozial-revolutionär-romantischem Gedankengut“ einiger 68er geborenen Reform wurde klar verfehlt: „Es ging um Fehlervermeidung. Schlechten Schülern, armen Proletarier-Kindern, sollte die anti-elitäre Reform helfen. Aber tatsächlich werden nun mehr Fehler gemacht als vorher.'
Die Reform hat ganz andere Fehler, als solche Verstöße gegen ein angeblich 'gesundes Sprachempfinden', das im Zweifel doch nur immer das eigene ist. Warum hat man beispielsweise das 'ß' nicht gleich ganz abgeschafft, sondern nur zusätzliche Regeln geschaffen? Die Schweizer fahren seit Jahrzehnten gut damit, dass sie in der welschen Schwyz keine anderen Tastaturen verkaufen wollten als in der alemannischen. Und was soll eine – inzwischen zurückgenommene – Regel, die zwischen einem 'viel versprechenden' und einem 'vielversprechenden Politiker' keinen Unterschied mehr machen wollte? Bei ihrem völligen Mangel an Gefühl für die Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks wären die Sprachreformer am Kanthaken zu kriegen, hier haben sie eine weit offene Flanke.
Dass es aber gleich um die 'soziale Revolution' gehen soll, dass hier jemand unter der Maske der Wissenschaft noch immer seinen Kampf gegen 'die 68er' führt, dass er auf dem Rücken der Sprache für gesellschaftliche Eliten streitet, dass ist ebenso rückwärtsgewandter ideologischer Bullshit, wie derjenige der Reformer eben nicht vorwärts gewandt war. Unsere deutsche Sprache hat viele falsche Freunde …
