Der Stil kennt keinen Plural

Der Klippe solcher Konzepte ist der (falsche) Grundgedanke, dass sich ein Stil sprachlich von anderen ‚Stilen' unterscheiden müsse, um maximale Wirkung zu entfalten. So, als ob die Individualität in der Form zu suchen sei. Reinsclassen spricht von einer ‚Sprachtypik', die ein Unternehmen entwickeln müsse, um sprachlich ein überzeugendes ‚Alleinstellungsmerkmal' zu schaffen.

Was für Unternehmen gelten soll, müsste dann aber auch für die anerkannten Meister der Sprachlichkeit, für die Schriftsteller auf dem Feld der Literatur gelten, schließlich soll es ja um das 'Schriftstellerische' im Unternehmen gehen. Ich stelle daher einfach mal fünf Zitate allen weiteren Erläuterungen voran:

„Im Dezember hatte ich mich verlobt und wenn man sich verlobt hat, will man natürlich auch heiraten."

„Man fand nichts bei ihr, bis man sie selbst visitierte und eine kleine goldene Armbanduhr in ihrer Handtasche entdeckte."

„Jetzt also gibt es einen Weizen, der reift früh im Sommer; in dürren wüsten Gegenden, wo der Regen eine Million Dollar pro Kubikzoll wert ist, blüht er üppig und gedeiht."

„Nicht einen Augenblick wird dieses Buch privat, obwohl es Intimes enthält."

„Im allgemeinen wird wohl für das schriftstellerische wie für jedes andere Geschäft gelten, dass es bei erhöhtem Lebenstonus leichter vonstatten geht."

Schöne anschauliche Sätze von fünf grundverschiedenen Schriftstellern habe ich einfach nebeneinander gestellt: und zwar von einem anerkannten Konservativen und Mystiker, einem Impressionisten, einem Expressionisten, einem poetischen Realisten und einem Vertreter neuer Sachlichkeit. Bei solchen Unterschieden literarischer 'Typik' müsste es doch ganz einfach sein, anhand des ‚Stils' dieser Sätze zu erkennen, ob hier ein Joseph Roth spricht, ein Alfred Polgar, ein Gottfried Benn, ein Theodor Fontane oder ein Alfred Döblin? Oder etwa nicht?

Wie, Sie können diese Aufgabe anhand des Wortlauts der Sätze nicht lösen? Ach ja? Steckt der Stil am Ende gar nicht im Formalen, in der Satzstruktur? Steckt er nicht in den Wörtern, die der Schreiber wählte? — Exakt so ist es!

Der Stil ist nämlich das, was man beim Lesen regelmäßig nicht bemerkt! Ein auffälliger Stil ist gewissermaßen ein Fehler. Nehmen wir einen Satz von Luther: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde". Einfach, klar – und gar nicht schwer, denkt erst einmal jeder, und glaubt in seiner Vermessenheit: ‚Das kann ich auch'. Kann er aber nicht! Wenn wir die Wörter umstellen, stellen wir nämlich fest, das alles andere schwächer klänge: „Gott schuf den Himmel und die Erde am Anfang". Oder: „Den Himmel und die Erde schuf Gott am Anfang". Jede denkbare andere Wortstellung in diesem Satz ist eindeutig fehlerhaft, Luther hat intuitiv die einzig mögliche Gestalt für diesen Satz gewählt. Obwohl Linguisten nachträglich mit Hilfe des ‚ansteigenden Informationswertes', der Lautgesetze, der rhythmischen Struktur und noch mit so mancherlei uns nachweisen könnten, weshalb der Satz nur so und nicht anders lauten konnte. Genau das ist ‚Stil haben'. Und so etwas ist verdammt schwer, die wenigsten können es ‚naturwüchsig', von ihrem individuellen Sprachgefühl her. Der Luthersatz wäre bei den wenigsten das Resultat ihrer Übersetzung gewesen.

Das Selbermachen ist schwer. Fehler hören können aber auch Laien. Durch die Abweichung von der natürlichen Ordnung des Satzes fällt ihnen jeder stilistisch dumm auf, der ‚keinen Stil hat', der also fehlerhaft klempnert, solange sie sich nicht von manieristischen ‚Pony-Tricks', von der 'Mache' also, beeindrucken lassen. Zu diesen ‚Manieristen' zähle ich unerhörterweise einen Thomas Mann, diesen Abgott aller Studienräte im Fach Deutsch, eine veritable Pretiöse, die aus unerfindlichen Gründen bis heute als Vorbild guten Stils in Deutschland gilt, der man aber so ziemlich jeden Fehler nachweisen kann, den der Marktstand eines durchschnittlichen Sprachkritikers heute in der Auslage hat: unnötige Adjektive, Hauptsachen in Nebensätze verpackt, eine 'unglaubliche' Wortwahl, verknotete überlange Satzkonstruktionen, ‚unwahre' Begrifflichkeit, gestrige Ausdrücke u.v.m. Kurzum – all dieser schwere Plüsch mit Goldbordüren aus Madame Lothars Blähsatz- und Kuriositätenkabinett: „Ich bin wahrhaft bestürzt, gewahr zu werden, dass ich es Ihnen gegenüber habe fehlen lassen" (Briefe II, 27). Welche ‚wahrhafte' Lebensfülle, welche ‚gewahr' gewordene Anschauungskraft! Thomas Mann ist ein Manierist, er posiert und ist deshalb ‚unwahr' … genauso ‚unwahr' wie dieses Unternehmen: „Es wurde ein abwechslungsreiches und interaktives Programm gestaltet, bei dem der Dialog im Vordergrund stand". Hoffentlich hat sich der Dialog dabei nicht von der Bühne gestürzt …

Wenn also Unternehmen eine Corporate Literature entwickeln wollen, dann käme zunächst einmal alles darauf an, dass sie den einen, den einzig möglichen guten Stil pflegen, denn das Wort ‚Stil' kennt keinen Plural. Zuallererst sollten sie also die Zuckerbäckerei der Public Relations aufgeben, diese Manie, nur die denkbar unwahrsten, schönfärberischsten Krampfausdrücke zu verwenden. Die erwünschte Individualität entwickelt sich dann von selbst aus den Inhalten schlichter, den Punkt treffender, stilvoller Texte, und durch die Tiefe der Gedanken, die man plötzlich darin äußern kann. Denn dem Stil fügen sich die Ideen, hier liegen die wirklichen Unterschiede, ob nun zwischen Expressionismus und neuer Sachlichkeit, zwischen Benn und Döblin, oder zwischen Kaufhof und Karstadt. Individualität auf sprachlicher Ebene besteht aus interessanten, neuen Inhalten und klaren Gedanken, in einen fraglos guten Stil gefasst.

Das gilt übrigens auch für die Blogs und deren ‚Stil'. Es gibt ja nur den einen …

[Auflösung: 1. Fontane III, IV, 478, 2. Döblin Verratenes Volk, 237, 3. Benn I, 205, 4. Roth III, 262, 5. Polgar IV, 280]

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