Jeder Buchstabe besitzt demnach mehrere sinnbildliche Bedeutungen, die sich wiederum auf Bibelverse beziehen können. Jedem Buchstaben ist zunächst ein Grundbegriff religiöser Erkenntnis zugeordnet. Ferner entspricht er auf der ersten, offensichtlichen Ebene (‚gematria‘) einem Zahlenwert – im Hebräischen wurden keine separaten Zahlen ‚erfunden‘ – auf den tieferen Ebenen kehrt mit Hilfe der Buchstaben die Struktur der Erscheinungswelt zurück, ein mystischer Text lässt sich dann über die Symbolik der Buchstaben als eine Art Weltausdeutung lesen.
Nehmen wir den zweiten Buchstaben des hebräischen AlphaBETs: das Bet also. Die zugeordnetete Wortbedeutung ist zunächst ‚Haus‘ (bajit), als Zahl entspricht das Bet der Zwei (schettajim). Bet ist darüber hinaus ein Buchstabe von höchster Bedeutung in der Kabbala, denn mit ihm beginnt die Bibel (wie auch der Koran), er symbolisiert das Gotteshaus und den Tempel (bet ha-mikdasch), alle Orte der Weisheit (bet ha-mi-drasch). In seinem Dualismus verbindet er – als zweiter Buchstabe – das Göttliche und das Irdische und er zeigt auf die zwei Wege der Weisheit. Bildlich ausgedeutet zeigt er – in einer von mehreren Lesarten – das Wort in der Höhle des Mundes. Dies (und noch viel mehr) kann also in einem einzigen Zeichen der Schrift enthalten sein.
Vielleicht täte uns ein wenig mehr Achtung vor dem Mysterium der Schrift ganz gut. Es muss ja nicht gleich die Kabbala sein …
