Billig und willig?

Dann kann man
sich entweder in sein „Schicksal“ fügen und sagen: So ist es halt, da kann man
nichts machen. Oder man protestiert, geht auf die Straße wie in Frankreich und
schreit seine Wut heraus. In Deutschland muckt man dagegen leise auf und sucht
die diskursive Verständigung über die wahrgenommenen Probleme. Einige haben
einen Verein gegründet, der sich dafür einsetzt, kritisches Bewusstsein unter
den Studierenden und Universitätsabsolventen zu schaffen. Andere betreiben eine
Initiative, um Unternehmen zu ermahnen, reguläre Arbeitsplätze nicht massenhaft
in Praktikantenstellen umzuwandeln, die sie dann mit frischgebackenen und
günstig zu habenden Hochschulabgängern besetzen. Und dann gibt es da ja noch
die Petition Nr. 142, eine Eingabe beim Petitionsausschuss des Deutschen
Bundestages, die in rekordverdächtiger Zahl mitgezeichnet wird.
 
Anfang 2004
entstand unter einigen Berliner Jungakademikern die Idee, einen Verein zur
Unterstützung von Hochschulabsolventen zu gründen. Sie hatten nämlich endgültig
die Faxen dicke. Ständig mussten sie erlebten, dass sie auf dem Arbeitsmarkt
einfach keinen Fuß auf den Boden bekamen, sich lediglich von einer prekären
Beschäftigung zur nächsten hangelten. Sie tauften ihren Verein „fairwork“ und
gaben eine eindeutige Parole aus: Schluss mit den Ausbeutung!
 
Sie wollen die
miserablen Arbeitsbedingungen nicht länger hinnehmen: die unbezahlten
Überstunden, die Wochenendarbeit, die Verweigerung des Urlaubsanspruchs. Sie
halten es für nicht hinnehmbar, dass Unternehmen durch die massive Einstellung
von Praktikanten vor allem Personalkosten einsparen, gleichzeitig aber vom
hohen Leistungspotential der Hochschulabsolventen profitieren. Für die
Vereinsgründer ist es ein Unding, Absolventen 40 Stunden und mehr in der Woche
arbeiten zu lassen und sie nicht angemessen zu entlohnen, so dass sie von ihren
Eltern oder vom Arbeits- bzw. Sozialamt unterstützt werden müssen. 
 
Das Anliegen des
Vereins ist einleuchtend. Plausibel sind auch die Forderungen:

– ein „Mindestlohn für Hochschulabsolventen im Praktikum, der dem
aktuellen ALG II-Satz entspricht
 
– die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen im Praktikum (Einhaltung
gesetzlicher Regelungen zu Arbeitszeiten, Überstunden, Urlaub etc.)
 
– die Begrenzung der Praktikumsdauer auf höchstens 4 Monate. Alles,
was darüber hinausgeht, ist in unseren Augen kein Praktikum mehr, sondern
Ausbeutung. Wer die Aussicht auf Übernahme stellt, muss nach dieser Zeit die
Arbeit des Absolventen beurteilen können.“

Die Mitglieder
von fairwork wissen, dass die modernen Jobnomaden sich nur selbst helfen
können. Sie haben schließlich keine Lobby, die ihnen unter die Arme greifen
könnte. Die Politik interessiert sich nicht für sie. Ab und an berichten
Journalisten über die missliche Lage der Praktikanten. Einige von ihnen zeigen
sich verwundert, dass die deutschen Praktikanten nicht den Aufstand proben wie
ihre französischen Schicksalsgenossen.
 
Gründe gäbe es
genug, den Lauten zu machen. Eine Studie der DGB-Jugend mit dem Titel „Praktika von Hochschulabsolventen“ kommt zu dem Schluss, dass die Anzahl der nach dem
Studium absolvierten Praktika zunimmt, der Arbeitsdruck insgesamt steigt und
ein eklatantes Missverhältnis besteht zwischen der erbrachten Leistung und der
Entlohnung. Fast die Hälfte aller befragten Praktikanten bezeichnet ihre Arbeit
als „Ausbeutung“.
 
In Deutschland
hat sich regelrecht ein Praktikantenmarkt entwickelt. Die Unternehmen schöpfen
gern aus diesem riesigen Billigheimer-Pool. Die meisten verweigern sich nämlich
nicht. Ganz im Gegenteil. Unter den Praktikanten scheint die Meinung
vorzuherrschen: Lieber ein Praktikum nach dem anderen absolvieren als gar
keinen Job.
 
Gleichsam
rühmlich nimmt sich da eine Initiative des Job- und Wirtschaftsmagazins karriere
aus, die unter „Fair Company – Die bessere Chance für Absolventen“ firmiert.
Mit dem Prädikat „Fair Company“ werden die Unternehmen ausgezeichnet, die für
eine neue Ethik in der Arbeitswelt stehen und jungen Akademikern eine faire
Chance einräumen. „Fair Companies“ müssen dabei fünf grundlegende Regeln
einhalten. Sie, die „anständigen“ Unternehmen,
 
– „substituieren keine Vollzeitstellen durch
Praktikanten, vermeintliche Volontäre, Hospitanten o.ä.
– vertrösten keinen Hochschulabsolventen mit einem
Praktikum, der sich auf eine feste Stelle beworben hat,
– ködern keinen Praktikanten mit der vagen Aussicht auf
eine anschließende Vollzeitstelle,
– bieten Praktika vornehmlich zur beruflichen
Orientierung während der Ausbildungsphase,
– zahlen Praktikanten eine adäquate
Aufwandsentschädigung.

Aber das
„Problem“ sind nicht die großen und finanzstarken Unternehmen. Denen fällt es
nicht weiter schwer, akademischen Berufseinsteigern mehr zu zahlen als ein
mageres Praktikantengehalt. Die müssen niemanden mit zweifelhaften Versprechen
auf Übernahme nach dem Praktikum ködern. Das „Problem“ sind die vielen kleinen
und mittleren Unternehmen der Medien- und Kommunikationsbranche. Für die ist
die Schaffung von ausreichend Praktikantenstellen geradezu überlebenswichtig.
In der einen oder anderen Kleinst-Agentur könnte der normale Geschäftsbetrieb
nur schwer aufrechterhalten werden, wenn es nicht diese Goldgrube der willigen
Praktikanten gäbe.
 
Also, was bleibt
für die Heerschar der frustrierten Hochschulabsolventen zu hoffen? Dass sie irgendwann
mutig werden, sich untereinander solidarisieren und auf die Barrikaden gehen?
Darauf zu setzen, dass die Praktikanten irgendwann im großen Stile zu streiken
beginnen, wäre sicherlich abwegig. Und vielleicht wäre es auch gar nicht
wünschenswert, wenn sie es letzten Endes täten. Denn ihre Verweigerung könnte
der deutschen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen. Sie sind nun mal wichtig;
ganze Branchen bauen auf ihre Arbeitsleistungen.
 
Die Deutschen
protestieren eher verhalten. Demonstrationen sind verpönt. Obschon es genügend
Gründe gäbe, seinen Unmut zu äußern. Viele werden benachteiligt, kommen nicht
zum Zuge: Arbeitslose, ALG-II-Bezieher, Menschen in prekären
Beschäftigungssituationen, Absolventen in der Praktikantenschleife. Sie halten
still. Die glücklichen Bessergestellten dürften darüber sehr froh sein.
 
Wenn denn das
„Prekariat“ in Deutschland mal aus der Deckung kommt, dann sucht es das
Gespräch und wirbt mit sachlichen Argumenten für seine Anliegen, so wie
fairwork und die Initiative Fair Company.
 
Und dann kann
man ja auch noch die besagte öffentliche Petition bis zum 14. Juni mitzeichnen.
In den Online- und Offline-Medien ist hier und da schon über sie geschrieben worden.
Das Gesuch ist durchaus nachvollziehbar: „Der Deutsche Bundestag möge beschließen,
dass Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und
in dem Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent
ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden.“ So
sehen und fordern es mittlerweile über 37.000 Mitzeichner!
 
Der Staat könnte für diese Petition empfänglich sein.  Die ausufernde Substitution von
sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen durch geringfügige
Beschäftigungsverhältnisse, zum Beispiel durch Praktikantenstellen, kann nicht
in seinem Interesse sein – Deregulierung und Flexibilisierung des
Arbeitsmarktes hin oder her. Dem Staat, dem Gemeinwesen, uns allen, entgehen
Steuereinnahmen und Sozialversicherungsabgaben in Milliardenhöhe. Und warum sollte die Allgemeinheit es
einfach so hinnehmen, dass bestens ausgebildete junge Menschen, die das
staatlich finanzierte (Hoch-)Schulwesen erfolgreich durchlaufen haben, von
vielen Unternehmen zuförderst als schlecht bezahlte Arbeitskräfte eingestellt
werden, deren Löhne dann auch noch sozialstaatlich bezuschusst werden müssen,
damit sie über die Runden kommen?  

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