Auf dem Dachboden der Sprache

Schon das Wort «68er» ist ja ein irreführender Begriff. Im Jahr 1970 jedenfalls war sich noch niemand bewusst, dass man am Anfang eines kulturellen Umbruchs stünde: «Aufrüttler» oder «Aufwiegler» hießen daher diejenigen Wortführer, die brave Schüler mit ihrem «Geschrei» auf die Straßen holten. Dahinter wiederum steckte eine ganz bestimmte Vorstellung: Im Kopf des Journalisten (wie vermutlich auch seiner Leserschaft) war die Masse der Jugendlichen nämlich «anständig». Es genügte folglich, ein paar Rabauken aus dem Verkehr zu ziehen, schon fällt der ganze Ballyhoo wie ein Hefekuchen in sich zusammen. Denn «verführbar» sei die Jugend seit jeher gewesen, aber im Grunde nicht «anders» als die Erwachsenenwelt. Einige wenige nur würden "konfusen Gedanken nachhängen".

Das Jahr 1970 führte auch die ersten «Verlagsbeilagen» ein: Die Zeitungen druckten zu einem Themenschwerpunkt Sonderseiten, um zielgenau Anzeigenkunden anzuziehen. Dort stieß ich dann auf den «Elektronenrechner IC-8». Es handelte sich bei diesem elektronischen Wunderwerk aber keinesfalls um eine jener hausgroßen IBM-Rechenklötze der Frühzeit, sondern um einen Tischrechner, der Addition, Subtraktion und sogar Multiplikation und Division erstmals auf elektrischem Wege beherrschte – und daher vom Hersteller mit diesem hochmodernen Cape-Canaveral-Ausdruck belegt wurde.

Zugleich rollte die "Sexwelle" auf die Bundesbürger zu: In den Kinos feierten Streifen wie "Nicht fummeln, Liebling" wochenlange Erfolge oder ein "bumsfideles Lach- und Lustspiel" mit dem schönen Titel "Liebe durch die Hintertür" – und auch die Redakteure überboten sich darin, das Wort "Sex" möglichst oft in ihren Texten unterzubringen. In den "Tanz-Clubs" – heute "Disco" – gab es aber noch kein Petting und keine heiße Dance-Show, es wurde noch "einer draufgemacht" und ein "tolles Vergnügen" geboten. Natürlich entpuppte sich die Toleranz der Älteren in den Leserbriefen als hohles Geschwätz: «Gern höre auch ich Beat und Schlager zur Abwechslung, doch als man am Sonntag im Theater die Ohren der Zuschauer mit unerträglichen Lautstärken und unverständlichen englischen Texten zum Schmerzen brachte, war die Reizschwelle des Erträglichen überschritten». Kurzum: Der «Bildungsbürger» kam da einfach «nicht mehr mit» …

Schön sind auch die «frechen Ausdrücke» und der «Szene-Slang», den es damals natürlich auch schon gab: besonders Avantgardistisches erschien stets als «der letzte Schrei» – wo mir immer ganz andere Assoziationen kommen -, während die Minimode der Zeit den hinterherpfeifenden Redakteuren immer ein «viel Pfiff» entlockte. Besonders an solchen modetypischen Ausdrücken erahnen wir, was von unserem heutige Sprachgebrauch in 20 oder 30 Jahren bei der nächsten Generation unwiderstehlichen Lachreiz auslösen wird – Begriffe nämlich wie «trendy», «voll krass», «hip» oder wohl auch PR-Juwelen wie «kompetent» oder «kommunikativ».

«Unruhe» – dies auch ein stehender Ausdruck – Unruhe in einem weithin noch ruhigen Vokabular, das jedenfalls schien mir gestern das sprachliche Kennzeichen des Jahres 1970 in der Provinz …

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