Zehn Tipps für bessere Weblog-Texte …

Zunächst einmal findet ihr hier den Link zu dem Beitrag. Und schon geht’s direktemang zur Kritik: Der Inhalt der ‚Zehn Tipps‘ ist für ein journalistisches Blog völlig in Ordnung, ja, der Beitrag referiert sozusagen in Kurzform das, was auf (Online-)Journalistik-Schulen gelehrt wird, und er spart damit gewissermaßen das Geld fürs Buch. Für Krusenstern, ein Schweizer Blog, das sich als Redaktionskollektiv auf Texte aus und über Russland spezialisiert hat, sind diese Regeln daher völlig angemessen. Nur sind nicht alle Blogs solche ‚Themenblogs‘. Wer also kein Online-Magazin plant oder eine ‚Zeitschrift für …‘, der kann daher auf Punkt 1 – das ‚feste Thema‘ – schon einmal verzichten, weil er in seiner Resterampe eine Pluralität von Themen abhandelt und die Inhalte mehr oder minder willkürlich nach ‚Topics‘ gliedert. Denn die Leute kommen ‚zu ihm‘ – und nicht zum Thema, sofern er sie zu unterhalten weiß. Noch anders ausgedrückt: Das Thema wird gnadenlos überschätzt.

Es gibt dort draußen eine ganze Reihe erfolgreicher Blogs, die gar kein festes Thema haben, von Spreeblick über Robert Basic bis hin zu den Rebellen ohne Markt oder lanu. Es ist – schätze ich – sogar die Mehrheit. Auch die Relevanz der Themen (Punkt 2) ist oft sehr fragwürdig, so zum Beispiel, wenn der Weltherrscher durchaus erfolgreich vor sich hin schwabuliert oder der Kollege Marheinecke sich kopfüber ins Psychedelische stürzt, das ja auch nicht gerade am Mainstream liegt. Recherche (Punkt 3) spielt bei den Alltagsthemen in Bloghausen oder bei vielen Threads der Marke ‚Aufgespießt‘ keine große Rolle, denn gelesen werden diese Blogs vor allem wegen der Verfasser, die einen beliebigen Inhalt auf ihre typische Weise aufzubereiten verstehen. Wir halten also fest: Die Krusenstern-Tipps sind etwas für Online-Redaktionen, die im Netz ‚journalistisch‘ arbeiten. Aber beileibe nichts für Blogger, die ums Bloggen willen bloggen.

Auch die Darstellungsform (Punkt 4), die gewählt werden soll, orientiert sich an dem heiligen Kanon der Redaktionen aus der Altstadt von Old Media: Artikel, Bericht, Reportage, Feature usw. Die Majorität dieser Genres passt aber zu Blogs, wie der Salzstreuer zum Ölwechsel. Blogs bilden in vielen Fällen völlig neue Genres aus, die auch von den Journalisten erst einmal erlernt und erprobt werden müssen. Da hilft es nichts zu sagen, auch ‚online‘ soll – hokuspokus – alles wieder Zeitung sein. Das Feature, das sich ein Mensch auf dem Monitor antut, das ist noch nicht geschrieben worden. Und die Journalistenregeln erfolgreichen Schreibens sind im Licht der Printkrise ja auch etwas fragwürdig geworden, denn die angeblich begeisterten Leser laufen ihnen derzeit in Scharen davon.

Bei der Titelei (Punkt 5) geht es dann mit den bekannten Apodiktika der Journalistenschulen weiter: "50 Prozent der Leser entscheiden anhand des Titels, ob sie weiterlesen" usw. Und auch die Orientierung an ‚Aggregatoren‘ und ‚RSS-Feeds‘ treibt ihre Sumpfblüten. Eine gute Überschrift wäre demnach das, was zur ‚Search Engine Optimization‘ passt. Also: Die wichtigsten Fakten vorneweg und immer an die 40 Zeichen denken! Mehr registriert eine Suchmaschine nicht. Schaue ich aber hier ins Regal, dann stehen dort reihenweise die Gegenbeweise mit Überschriften, die ihre Leser finden, weil sie diesem Aggregatoren-Gesetz eben nicht gehorchen: "Fegefeuer der Eitelkeiten", "Die Fälschung der Welt", "Rot und Schwarz" usw. Die Wirkung einer Headline beruht nicht immer darauf, dass der Leser aus ihr vorab schon erfährt, was er gleich lesen wird. Dumm gefragt: Warum sollte er das Folgende denn dann noch lesen? Die literarische ‚Verrätselung‘ dagegen könnte eine gute Strategie sein, weil sie Neugier weckt und so in den Text führt.

Dass in dem Abschnitt über den ersten Satz (Punkt 6) und den ersten Absatz (Punkt 7) natürlich der Sesamstraßenkanon der ‚6 W‘ – "wer wie was, wann und wo warum?" – wie die Ziegfeld Girls über die Bühne tanzen würden, war mir eh klar. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hält sich im Journalismus hartnäckig das Gerücht, dass der Leser immer alles gleich zu Anfang erfahren wolle. Dabei geht es doch nur um eine printgeschichtlich zu erklärende Bequemlichkeit des Redakteurs, jeden Text von hinten her kürzen zu können, wenn der lange Riemen nicht ins Blättle passt. Auch in diesem Text hier habe ich doch nicht alles schon im ersten Satz gesagt, und trotzdem seid ihr (hoffentlich) immer noch bei mir. Und warum niemals Ironie verwendet werden darf, das will mir überhaupt nicht in den Kopf …

Dem Punkt 8 stimme ich dagegen ausdrücklich zu: Wir sollten zur Kontrolle und zum Redigieren eines Textes mindestens doppelt so viel Zeit verwenden, wie wir für das Schreiben der ersten Fassung benötigt haben. Und auch das Kürzen geht immer, immer, immer! – nach der Regel: Der kürzere Satz ist der bessere Satz!

Ein wenig aber ist dieser Abschnitt bei Krusenstern auch die ‚Stopfgans‘ des Artikels, weil hier alles Stilistische untergebracht ist, etwas, das viel mehr Raum und Darstellung benötigen würde, weil es wirklich wichtig und zentral ist und ans Eingemachte des Schreibprozesses geht: Um Füllwörter streichen zu können, müssten viele Schreiber doch erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, was ‚Füllwörter‘ sind. Sinngemäß gilt das auch für den Nominalstil und all das andere dort.

Die Faktenkontrolle (Punkt 9) ist wieder solch ein zweischneidiges Schwert. Wer Fakten berichtet, ist für die Fakten verantwortlich. Das ist klar. Vieles in Blogs ist aber Fiktion, Erfindung usw. Und der Punkt 10, wonach man alles auch anders machen könne, ist auch nur so ein rhetorischer Schlenker, die Schlusspirouette.

Kurzum: Eine verdienstvolle Zusammenstellung, aber eben ganz und gar nicht blogspezifisch. Es ist ein Text für Journalisten am Bildschirm. Was aber das spezifisch ‚Bloggerische‘ betrifft, da warten wir noch immer auf ein griffiges Kompendium, das sich in meinen Augen sehr viel stärker an literarischen Kriterien orientieren müsste. Anders ausgedrückt: Bloß weil alle drei schreiben, ist ein Journalist noch lange kein Blogger oder Schriftsteller.

6 Meinungen

  1. Das mit der Ironie hab ich auch nicht verstanden. War vielleicht ironisch gemeint.

  2. Natürlich ist der K-Text auf den (Online)-Journalismus hin ausgerichtet. Er bietet, wie Du schon richtig sagtest, einen soliden Einblick in das gesamte Thema. Eben für Leute, die NICHT damit täglich zu tun haben.Dies allerdings als „für Blogger irrelevant“ abzutun, halte ich dagegen für falsch. Denn wie schreibt denn nun ein Blogger? Wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Welche Regeln, die nicht dem Textverständnis unterworfen sind, gelten denn explizit für Blogs?Die „A-Blog“-Beispiele sind insofern schlecht, als das sich die Blogs entweder durch sehr eigene Sprache / Stil auszeichnen, oder Infos gekonnt „servieren“ können. Aber der Krusenstern-Text ist ja nicht an diese Adresse gerichtet, sondern an die vielen Blogs und ihre Schreiber da draussen, die eben nicht den Traffic haben und sich wundern, warum bei ihnen niemand ist und keiner die Artikel liest / kommentiert…Wer sich angesprochen fühlt und nur 20% der Sachen ausprobiert und sich zu Herzen nimmt, der wird auf alle Fälle ein besseres und interessanteres Blog machen als davor. Die zehnte Regel ist meiner Meinung nach nicht nur Schlenker, sondern wichtig – man muss wirklich erst einmal lernen, wie man für ein Publikum „richtig“ schreibt, bevor man seinen eigenen Stil finden kann. Einen Stil wohlgemerkt, der auch ankommt.Ich vergleiche erfolgreiche Blogs immer mit narrativem Journalismus (Capote, Thompson, Trumann etc.). Das sind/waren wunderbare Geschichtenerzähler – aber sie alle konnten ihr Handwerk und haben die Texte trotz aller literarischen Ambitionen immer „handwerklich“ geschrieben 😉

  3. @Manuel: Tatsächlich halte ich die Bloggerszene für etwas Drittes, was neben Journalismus und Literatur, den beiden bisherigen Polen des Textergewerbes, heranwächst. Zweitens erfordern die Mikromedien auch eigene Textsorten. Man kann keine Schlachtschiffe wie das ‚Feature‘ oder die ‚Reportage‘ auf den Bildschirm bringen, ohne dass der Scrollbalken qualmt, ebenso wenig wie den ‚Roman‘ aus dem Bereich der Literatur. Das ‚Medium ist sehr wohl die Message‘, auch in dem Sinne, dass man lange Texte bitte weiterhin auf Papier lesen sollte. Kurze Formen sind dagegen blogangemessen, manche vollends auf kryptische Anmerkungen reduziert, wie z.B. bei supatyp. Das Medium ist ‚kommentatorisch‘. Oder aber, man macht erneut Journalismus, nur auf dem Bildschirm, wie SpOn, das als Leitwolf aber auch singulär bleiben wird. Alle anderen sind nur ein Abklatsch mit entsprechend reduzierter ‚Awareness‘. Denn niemand braucht ein zweites SpOn …Dass das Narrative seit Jahren zu kurz kommt, darin stimme ich dir unbedingt zu.

  4. Hätte Karl May die Möglichkeit des bloggens gehabt – hätte er gebloggt ?Hätte er vor lauter bloggen seine Bücher geschrieben ?Gruss ausWien

  5. Karl May hätte ‚Daily Soaps‘ geschrieben.

  6. ich finde shon wichtig, dass blogs ein thema haben. basicthinking hat ja im prinzip auch eines. es geht immer um das thema neue trends im bereich technik, social alles mögliche und so weiter… ist so ne art rundumüberblick.

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