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    Start » Sozialpaten als Zukunftsmodell?
    Bildung & Beruf

    Sozialpaten als Zukunftsmodell?

    3. Oktober 20064 Minuten Lesezeit

    Die Autorin Susanne Gaschke (die übrigens in der Szene wirklich keine Unbekannte ist) fordert unter dem Titel "Erziehung ist Glückssache", das deutsche Bildungsbürgertum solle "endlich mit den Schmuddelkindern spielen". Fokus ihres Artikels sind die deutschen Hauptschulen, die nach ihrer Auffassung viel zu wenig politische und materielle Unterstützung erhalten und die daher quasi automatisch zum Misserfolg verdammt sind. Dabei begibt sich Frau Gaschke von Beginn an auf einen heiklen Pfad, um ihre Thesen zu begründen. Sie stellt nämlich folgenden Zusammenhang her.

    Derzeit leben in Deutschland 14 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Davon besuchen eine Million derzeit eine Hauptschule, wovon wiederum 80.000 pro Jahr die Schule abbrechen. Darüberhinaus leben 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Verhältnissen, die man als Armut bezeichnen kann. Frau Gaschke definiert nun die Differenz zwischen den Schulabbrechern und den übrigen in Armut lebenden Kindern als die Gruppe der "Sorgenkinder", denen zuhause keine Werte mehr vermittelt werden und bei denen der Staat quasi als Vorbildgeber einspringen muss.

    Glücklicherweise weist Frau Gaschke noch selbst darauf hin, dass Armut nicht gleichbedeutend mit einer wertefreien Erziehung ist. Sehr nachdrücklich ist dieser Hinweis jedoch nicht. Auch andere Aspekte des Aussagezusammenhangs sind zweifelhaft. So wie es die Autorin darstellt, wären also zunächst einmal alle Hauptschüler aus Armutsverhältnissen, sonst könnte es die reklamierte Schnittmenge nicht geben. Das ist schon aus eigener Anschauung zweifelhaft, wenn ich mir nur einmal oberflächlich vor Augen führe, wer aus meiner eigenen Umgebung die Hauptschule besucht. Echte Armutskinder fallen mir da nicht ein. Manche werden von ihren Eltern sogar aus dem einfachen Grund auf die Hauptschule geschickt, weil die hier um die Ecke ist und die Kinder hinlaufen können (was natürlich durchaus im Rahmen der Wertedebatte relevant wäre, aber eben nicht im Zusammenhang mit Armut steht).

    Gleichzeitig hinkt die Argumentation dahingehend, als ja nun 1,5 Millionen Armutskinder offenbar nicht die Hauptschule besuchen. Das kann zum einen daran liegen, dass Sie noch nicht schulpflichtig oder noch in der Grundschule sind, zum anderen kann es – und wird es in vielen Fällen – auch bedeuten, dass eben doch Kinder aus Armutsfamilien die Realschule oder das Gymnasium besuchen. Der Zusammenhang zwischen "wenig Geld" und "wenig Bildung" mag zwar gerade bei langjährigen Transferleistungsempfängern tatsächlich bestehen, dies jedoch als Massenphänomen auf alle "armen" Familien auszuweiten, wird der Problemstellung, aber insbesondere auch den betroffenen Menschen nicht gerecht.

    Soweit, so schlecht leitet Frau Gaschke dann ihre drei bildungspolitischen Forderungen aus dem falschverstandenen Szenario ab. Bei der nachfolgenden Beschreibung der drei Eckpunkte ist zu berücksichtigen, dass die Darstellung natürlich nach meiner Wahrnehmung des Themas erfolgt und von daher bereits in der Beschreibung wertend sein kann. Wer die Thesen der "Zeit" in Reinkultur möchte, kann die Zeitung noch bis Donnerstag am Kiosk kaufen..

    Erste Forderung ist "Schulen stärken". Hauptschulen müssten insbesondere materiell und im öffentlichen Ansehen nach vorn gebracht werden. Direkte Kooperationen mit der Wirtschaft wären wünschenswert. Sprachstandserhebungen und entsprechende Förderung bei Kindern, die dabei durchfallen, sollten obligatorisch werden. Kindergartenbesuch sollte in Maßen zur Pflicht gemacht werden. In einem ersten Schritt sollten alle bereits vorhandenen Modelle des eben genannten katalogisiert und öffentlich gemacht werden. Lehrer sollen sich mehr als Erzieher, Ersatzeltern verstehen und nicht so sehr die Leistungsprüfung in den Vordergrund stellen.

    Zweite Forderung ist "Open Your Mind" beim deutschen Mittelstand. Nicht ganz zu Unrecht prangert Frau Gaschke die liberale Doppelmoral der deutschen Bildungsbürger an. Während sie den eigenen Kindern niemals das stundenlange Computergeballer und die unsäglichen Talk- und Soap-Shows im Fernsehen gestatten würden, loben sie diese beiden Medien, wenn es um andere als die eigenen Kinder geht gern als emanzipatorische Medien. Hier sieht Frau Gaschke, sicher zu Recht, Konfliktpotenzial, sollte es zu einer stärkeren staatlichen Beteiligung an der Erziehung der "Sorgenkinder" kommen.

    Dritte Forderung ist die Implementation eines Sozialpatenmodells, um den unfähigen Eltern der Sorgenkinder auch noch die letzte Verantwortlichkeit aus den Händen zu nehmen und sie in die Lage zu versetzen, ganztägig vor dem Fernseher zu versacken. Sozialpaten könnten nach Gaschkes Vorstellung Rentner sein, denn davon gibt es mehr zwanzig Millionen, während nur ein bis zwei Millionen Kinder und Jugendliche Hilfe brauchen. Die Sozialpaten sollen den Kindern wieder Werte wie Fleiss, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit vermitteln, um sie so aus dem familiären Sumpf zu ziehen, der ansonsten jegliche Zukunftsperspektiven verhindert.

    Die erste Forderung ist unterstützenswürdig, alles andere ist sozialromantische Träumerei. Kompletter Unsinn ist zu guter Letzt dann auch Gaschkes Zielvorstellung nach Durchführung aller Maßnahmen. Sie sagt nämlich, dass all dies geschehen solle, damit es mehr Sorgenkinder auf die Universitäten schaffen, weil die heutigen Gebildeten bei der eigenen Familienplanung so zurückhaltend sind, dass in einigen Jahrzehnten eben nicht mehr genug Schlaue da sind. Dann müssen es wohl die weniger Schlauen richten.

    An diesem Punkt hätte ich aufgehört zu lesen, wenn der Artikel nicht ohnehin zu Ende gewesen wäre…

    (Fotoquelle: www.pixelquelle.de / Fotograf: Claudia35)

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