Reformation, Aufklärung und Reifenwerbung

Manchmal fügen sich Dinge. Heute morgen aufgewacht und überlegt, ob man zur Feier des Tages nicht mal 95 Thesen raushauen sollte (zumal „anhauen“ im virtuellen Raum ja auch schwierig wäre).

Also stöbere ich so rum, klicke hier, klicke da, was ich, wäre ich Journalist, „recherchieren“ nennen würde, um meiner Planlosigkeit eine professionelle Aura zu schenken, und komme auf was ganz anderes:

Vor 222 Jahren fragte Immanuel Kant (darf man heute sagen: ketzerisch?) „Was ist Aufklärung?“ und gab auch gleich jene bekannte Definition:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Nicht, dass es wirklich neu wäre, aber es lohnt sich, es sich immer wieder vor Augen zu führen, wenn man so durchs Leben geht oder – und da noch mehr – sich durchs WWW recherchiert, denn es kommt der Tag bzw. die Seite, bei der man zwangsläufig an Immanuel denken muss. Zumindest ging es mir so, als ich das las:

DEUTSCHER WERBERAT ZUR REIFENWERBUNG
VERLAUTBARUNG vom November 1974

Die Werbung der Reifenhersteller für solche Autoreifen, die für die nasse, kalte und schneereiche Jahreszeit angeboten werden, hat der Deutsche Werberat im Zusammenhang mit einer ihm vorgelegten Beanstandung überprüft.

Als unzulässig sieht der Werberat folgende Anzeigen-Schlagzeile an: »Auf den Anti-Aquaplaning-Radials von X sind Sie so sicher wie ein Fisch im Wasser. «

Der Deutsche Werberat teilt die Bedenken, die die Vereinigung der Technischen Überwachungsvereine publiziert hat. Nach TÜV-Auffassung gibt es eine Reihe von Anzeigen, die die Autofahrer zur fahrlässigen Fahrweise verleiten. Folgende Anzeigen-Slogans sehen die TÜV’s für bedenklich an:

»Sichere Fahrzeugbeherrschung auf Schnee- und Eisglätte wird garantiert.«
»Wirkungsvoller Schutz gegen die gefürchtete Wasserglätte (Aquaplaning) wird zugesichert.«
»Bisher nie gekannte Haftkraft auf Eis und Greifsicherheit im Tiefschnee.«
»Unsere Reifen sind die Unfallbremse.«
»Unser Reifen ist ein Regenreifen. «

Nach Auffassung des Deutschen Werberats sollen die positiven Eigenschaften von Weiterentwicklungen bei Autoreifen durchaus hervorgehoben werden, jedoch nicht so, daß der Autofahrer dazu verleitet wird, alle diejenigen Fahreigenschaften zu vergessen, die bei Regen, Nebel, Schnee oder Glatteis allein Sicherheit versprechen.

Das ist jetzt 32 Jahre her, steht aber immer noch auf der Seite des Werberates, gilt also nach wie vor. Seiner Ansicht nach also hat der Mensch nichts gelernt, glaubt also uneingeschränkt solchen Aussagen, und lässt sich dadurch verleiten, sein und das Leben anderer aufs Spiel zu setzen?

Ich weiß nicht, wie schlimm ich das finden soll, ….

… dass der Werberat damit wohl Recht hat.

(Und es verbietet sich als Humanist, in dem Zusammenhang „Darwin“ zu denken.)

Habe es dann aber doch noch geschafft, meine 95 Thesen zu veröffentlichen.

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