Herr Schulze, Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie eine umfassende Reform unserer Gesellschaft fordern, auch der Gesundheitspolitik. Was ist Ihrer Meinung nach faul an unserem Gesundheitssystem?
Kai. E. Schulze: Das Prinzip: Ärzteschaft, Medizin- und Pharmaindustrie werden nach Krankheit bezahlt. Das heißt: Je mehr kranke Patienten es gibt, desto mehr Honorare bekommen sie. Bleiben die Versicherten aber gesund, werden sie quasi finanziell bestraft.
Was schlagen Sie vor? Was sollte geändert werden?
Kai. E. Schulze: Denken Sie an das sogenannte „Chinesische Prinzip“ in der Medizin. Dieses funktioniert in etwa so: 500 Versicherte wählen sich zum Beispiel einen Hausarzt. Dann werden die Erwartungswerte für Krankheiten und deren Kosten bei der jeweiligen Alterstruktur und den Vorerkrankungen errechnet, z.B. acht wahrscheinliche Krebsoperationen mit einem Kostenvolumen von xy. Schafft es der Arzt durch seine Gesundheitsförderungsbemühungen, dass nur zwei Operationen nötig sind, erhält er einen bestimmten Prozentsatz der eingesparten Gelder als Bonushonorar – und zwar zusätzlich zu einem Grundhonorar, das für alle Ärzte gleich sein sollte. Prävention würde so fürstlich belohnt.
Was wäre noch wichtig?
Kai. E. Schulze: Die Menschen müssten insgesamt weniger unter Stress leiden. Schließlich ist hinreichend bekannt, dass Stress auf Kosten der Gesundheit geht und das Entstehen von Herzkreislauf-Erkrankungen und anderen Leiden fördert. Hierfür wäre allerdings die Reform eines anderen Aspekts unseres Gesellschaftssystems notwendig. Ein Kapitel meines Buches trägt den Titel: „Vier Stunden Arbeit reicht“. Vor allem vor dem Hintergrund der Rationalisierung, die dem modernen Menschen ja Arbeit sparen sollte, ist es doch absurd, dass einige viel zu viel arbeiten und andere gar nicht. Eltern könnten sich dann auch wieder mehr ihren Kindern widmen, was zudem positive Auswirkungen auf die Familienpolitik hätte.
In Ihrem Buch fordern Sie eine komplette Reform unseres Gesellschaftssystem. Worauf basiert Ihr Konzept?
Kai. E. Schulze: Letztlich auf der Korrektur der Evolutionstheorie, die Charles Darwin begonnen hat. Längst ist bekannt, dass die Gene die körperliche Entwicklung aller Lebewesen steuern. Allerdings fällt die Spezies Mensch durch eine besondere Eigenart aus dem Rahmen: unser Verhalten. Dieses verläuft nicht nur instinktiv, sondern wird auch kulturell geprägt, durch bestimmte Glaubenssysteme, die von Generation zu Generation weitergeben werden. Diese Gedächtnisinhalte, die unser Verhalten steuern, bezeichnet man auch als „Meme“ (abgeleitet von Memory).
Jedoch verläuft die Selektion der Meme nicht immer zum Vorteil des Menschen. Auch die Evolution der psychischen Inhalte richtet sich nach den Anreizen, die im Wirtschaftsprinzip vorliegen. Der Ursprung liegt in der Erfindung des Tauschhandels, der nach dem Prinzip funktioniert, dass Bedürfnisse – und zwar immer größere – geweckt werden, um sie zu befriedigen. Oder noch krasser gesagt: nur wenn du kauf- oder tablettensüchtig wirst, verdiene ich viel Geld. Das ist eben das Wettbewerbsprinzip der sozialen Marktwirtschaft.
Wessen fachliches Denken nicht auf diese Weise unbewusst verändert ist, der hat keinerlei langfristige Überlebenschance im gnadenlosen Wettbewerb um Praxisräumlichkeiten in bester Lage bzw. um Marktanteile – und geht irgendwann pleite. Ich bin somit der Überzeugung, dass die Anreize unserer Marktwirtschaft korrigiert werden müssten. Das wäre der Anfang.
Wie könnte das in punkto Gesundheitspolitik umgesetzt werden?
Kai. E. Schulze: Durch die Schaffung von Wellness- oder Gesundheitsverbünden, in die auch die Pharmakonzerne eingebunden wären. Tablettensüchtige würden der Pharmaindustrie nur noch wenig Geld bringen, chronisch Gesunde dagegen viel mehr. Da so letztlich auch mehr Menschen gesund blieben, würde das zudem noch die Kassen entlasten – und die Beiträge würden sinken.
Hintergrundinformation über den Autor:
Kai E. Schulze, Student der Psychologie, direkt vor dem Diplom.
Info zum Buch:
Schulze, Kai E.: „Wohlstand und Gesundheit für alle – Das Ende des Raubtier- und Heuschrecken-Kapitalismus“, Band 1, Buchhandels-Nr.: ISBN 3-89783-512-6
Bild: mediately.de 2006, A.Wegner“.
