Carrière fährt für seinen Protest das stärkste Geschütz auf, dass es in der Post-Christlichen Gesellschaft gibt. In der Tradition des Passionsspieles ließ er sich am Sonnabend vor dem Bundesministerium für Justiz in Berlin kreuzigen. Aus Protest gegen das Familiengericht Hamburg, das ihm ein uneingeschränktes Umgangsrecht mit seiner Tochter verweigert, beteiligte sich der Künstler in Berlin auch an einem Hungerstreik. Ende 2004 sorgte er schon einmal für Publicity für das Thema „Väterrechte“, als er freiwillig in Gefängnis ging.
„Jesus am Kreuz ist ein mächtiges Symbol für das Leiden am Verlassensein“, so Carrière, der sich in der Gruppe „Väteraufbruch für Kinder“ engagiert, die die Demonstration in Berlin organisiert. Auf seiner Homepage geht Mathieu Carrière ins Detail. Angeblich fühlten sich über 5 Millionen Trennungskinder in Deutschland verlassen. Über 50 % dieser Kinder hätten ein Jahr nach der Trennung der Eltern keinen Kontakt mehr zum „ausgegrenzten Elternteil“. „Ausgrenzung eines Elternteils“ aber sei Kindesmissbrauch, der auch verheerende Folgen für die „ausgegrenzten“ Eltern – meist Väter – habe. Mathieu Carrière und der Väteraufbruch begründen ihre Vorderrungen nach einem Umgangsrecht mit ihren Kindern mit dem Verweis auf diverse Grundrechte.
In 10 Jahren sollen nicht 10 Millionen Kinder verzweifelt schreien: „Vater Staat, Vater Staat, warum hast du mich verlassen!“. Mathieu Carriere bezieht sich damit auf die Worte, die Jesus nach dem Markusevangelium am Kreuz unmittelbar vor seinem Tod gesprochen haben soll.
Die Scheidungsrekorde in Deutschland führen zu immer mehr Dauerfehden um die Kinder. Auch Mathieu Carrière wettert gegen die angebliche Allmacht der Mütter. Er selbst habe seine Tochter ebenso gut gewickelt, ernährt und erzogen, reklamiert Carrière. Als lediger Vater sei er jedoch jahrelang von der Erziehung seiner Tochter ausgeschlossen gewesen.
Väter, denen nach einer Trennung von einer Partnerin kein Umgangs- oder Besuchsrecht zugesprochen wird, bleiben mit dem Verlust allein zurück. Neben der Traumatisierung und oftmals damit zusammenhängenden Depressionen müssen diese Väter zusätzlich mit der Stigmatisierung der Gesellschaft („Er wird schon selbst Schuld an dieser Situation sein“ o.ä.) fertig werden.
Die Frage ist, ob es angemessen ist, das Kreuz für eine solche Protestaktion zu verwenden. Mathieu Carriere ist nicht Jesus. Aber zugegeben. Die Situation vieler Eltern – vorwiegend sind es Väter, die ihre Kinder nicht sehen dürfen – ist belastend und sie führt viele in die Verzweiflung. Wie man sich fühlt, wenn man sein Kind nicht sehen darf, kann nur nachvollziehen, wer selbst Kinder hat. Der Tod Jesu am Kreuz hat im Übrigen auch etwas mit dem Verlust eines Kindes zu tun, um das der Vater trauert. Wer protestiert, darf sich nicht um die Verhältnismäßigkeit kümmern. Das hat mir mal ein PR-Berater erklärt. Das Kreuz ist ein Skandal und das war es auch schon vor 2000 Jahren. Ich wundere mich allerdings, dass – außer einem kleinen Beitrag im Deutschlandfunk – bisher niemand von Mathieu Carrieres Aktion Notiz genommen hat. Pope town ist ja noch nicht so lange her.
